Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 18.10.2019, Seite 2 / Ausland
Lage in Rojava

»Jeder Euro fließt in die türkische Kriegskasse«

Trotz Einmarschs in Nordsyrien bleiben Berlin und Brüssel beinahe tatenlos. Derweil bricht Infrastruktur in Rojava zusammen. Gespräch mit Michael Wilk
Interview: Gitta Düperthal
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Ein Camp nahe Serekaniye in Nordsyrien (16.10.2019)

Seit Beginn des Angriffskriegs der Türkei in der vergangenen Woche ist in Rojava in Nordsyrien nichts mehr, wie es war. Welche Auswirkungen hat das auf die kurdische Bevölkerung?

In diesen Zeiten kann man keine Statistik anlegen. Aber es ist eine humanitäre Katastrophe. Bis zu 300.000 Menschen fliehen in den Süden Syriens. Der Kurdische Rote Halbmond meldete schon vor Tagen 190.000 Flüchtende. Westliche Medien spielen die Zahlen oft herunter.

Die meisten großen kurdischen Städte liegen im Grenzbereich zur Türkei, wie Kamischli, Derik oder Kobani. Aktuell hat die türkische Armee mit der Fatah-Al-Scham-Front und ehemaligen IS-Kämpfern die nordsyrische Stadt Serekaniye (arabisch: Ras Al-Ain, jW) umzingelt, wo sie auch Rettungswagen beschießen. Westlich der Stadt konnte die Türkei Geländegewinne erzielen. Strategisch geht es ihr um eine Straße, die den Westen der Region mit dem Osten verbindet. Umkämpft ist die bereits eroberte Stadt Gire Spi (arabisch: Tel Abjad, jW). Der Widerstand ist ungebrochen. Obgleich die einfallende Armee riesig ist, ist sie noch nicht soweit, wie sie gern wäre.

Die USA ziehen in Nordsyrien ab, die syrische Armee ein, auch Russland mischt mit. Wie bewerten Sie die Situation?

Russen sind bislang nur in der Stadt Kobani präsent, die die Kurden 2015 dem IS abgerungen haben. Außerdem sind sie an der Front von Manbidsch, wo die Demokratischen Kräfte Syriens erbittert kämpfen. Kritisch bemerkt: Sie behindern weder Luftangriffe, noch helfen sie, Serekaniye oder das südlicher gelegene Tel Tamer zu verteidigen. Meiner Meinung nach hat das allenfalls Symbolcharakter.

Wie reagiert die Bevölkerung auf die Entwicklung?

Die meisten Menschen dort sind kurdischer Abstammung, aber es gibt auch jene mit arabischer, assyrischer oder turkmenischer Herkunft. Es gibt verschiedene Religionsgemeinschaften, jesidische, christliche, mohammedanische und weitere. Rojava versucht, das auf Autonomie und Vielfalt beruhende basisdemokratische Modell aufrechtzuerhalten. Bei aller Unterschiedlichkeit unterstützen das die meisten Menschen, nur wenige sehen das anders.

Die kurdische Selbstverwaltung legt größten Wert darauf, dass es bei den Vereinbarungen mit Damaskus und Russland einzig um aus der Not heraus getroffene militärische Absprachen geht. Wollten sich beide Regierungen nach der militärischen Präsenz in das demokratische Rätemodell einmischen, würde die Fortführung der Selbstverwaltung schwieriger. Das macht die Lage so heikel.

Die für die Bevölkerung so notwendige Infrastruktur wird angegriffen. Welche Informationen darüber haben Sie?

Die medizinische Versorgung ist teilweise zusammengebrochen. Ein vom IS 2014 zerstörtes, danach mit Mühe wieder aufgebautes Krankenhaus in Serekaniye liegt jetzt im Kampfbereich. Es kann keine Versorgung mehr leisten. Weiter im Süden mussten Sanitäter des Kurdischen Roten Halbmonds vor zwei Tagen vor den anrückenden islamistischen Teilen der türkischen Truppen flüchten.

Wie kann eine außerparlamentarische Bewegung in Deutschland Einfluss auf die Situation im Kriegsgebiet nehmen?

Die Bevölkerung in Rojava schätzt die internationale Solidarität wie auch die Demonstrationen und Aktionen hierzulande. Der Druck darf nicht nachlassen. Denn im Fall der deutschen Bundesregierung muss man von einem kompletten Versagen sprechen. Spätestens seit der türkischen Invasion mit Dschihadisten in Afrin 2018 wusste die Welt, womit zu rechnen ist. Mit Kenntnis des Westens toben sich dort Islamisten an kurdischen und jesidischen Menschen aus. All das vollzieht sich jetzt erneut, in größerem Rahmen. Die Bundesregierung müsste ökonomische Sanktionen veranlassen, zum Beispiel die Hermeskredite für deutsche Unternehmen in der Türkei sperren. Im Gegenteil diskutiert die EU aber, noch mehr Geld für »Flüchtlingshilfe« zu geben – wohl wissend, dass jeder Euro in die türkische Kriegskasse fließt.

Michael Wilk ist Notfallmediziner und Psychotherapeut. Seit 2014 reist er immer wieder in das selbstverwaltete Gebiet in Nord- und Ostsyrien und arbeitet dort mit der Hilfsorganisation Kurdischer Roter Halbmond zusammen.

Podiumsdebatte »Für Freiheit und Frieden: Türkei und Dschihadisten raus aus Rojava« mit Michael Wilk und anderen: Freitag, 1. November, 19 Uhr, Saalbau Schönhof, Rödelheimerstr. 38, Frankfurt am Main

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