Gegründet 1947 Mittwoch, 13. November 2019, Nr. 264
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 17.10.2019, Seite 2 / Ausland
Bürgermeister von Dersim

»Man muss den Menschen in Not etwas anbieten«

In der Osttürkei ist ein Kommunist seit März Bürgermeister. Über den Versuch, das Große im Kleinen umzusetzen. Ein Gespräch mit Fatih Mehmet Macoglu
Interview: Kristian Stemmler
RTX6SV6D.jpg
Fatih Mehmet Macoglu in seinem Bürgermeisterbüro in Dersim (15.4.2019)

In den vergangenen Monaten wurde in vielen Medien über Sie als den ersten kommunistischen Bürgermeister einer Provinzstadt in der Türkei berichtet. Was führt Sie nach Hamburg?

Ich bin im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der »Konföderation für demokratische Rechte in Europa«, kurz ADHK, in der Stadt. Vorher war ich in Basel und Frankfurt am Main. In Mainz und Rüsselsheim habe ich Gespräche mit den dortigen Bürgermeistern geführt.

Was sagen Sie zum Einmarsch der türkischen Armee in Nordsyrien?

Seit fast über einem Jahr wurde schon da­rüber gesprochen. Der allgemeine Eindruck war, dass es dazu nicht kommen wird. Jetzt gibt es in der türkischen Öffentlichkeit viel Kritik von Akademikern und demokratischen Kräften, auch von den sozialistischen Verbänden. In der Region beobachten wir seit langem ein geostrategisches Spiel, bei dem sich de facto mit den USA und Russland zwei Blöcke gegenüber stehen. Dabei geht es wie so oft um die Aufteilung von Bodenschätzen. Dieses »Spiel« ist nicht immer leicht zu durchschauen. Aktuell führen die Kurden Gespräche mit dem syrischen Präsidenten Assad, nachdem die USA sich zurückgezogen haben. Man muss abwarten, wie sich das entwickelt.

In der Türkei schürt die Regierung die Kriegsbegeisterung in der Bevölkerung. Erhöht das nicht den ohnehin schon deutlichen Druck auf Linke?

Sicher. Im Krieg versuchen dessen Befürworter immer, die Gegner des Krieges auszugrenzen und mundtot zu machen.

Zu Ihrer Arbeit in Dersim: Was bedeutet es für Sie, als kommunistischer Bürgermeister so viel Aufmerksamkeit zu erhalten?

Mein Wunsch ist der nach einer kommunistischen Welt, in der alle in Frieden und ohne Ausbeutung leben können. Aber auch wenn ich in der Türkei als kommunistischer Bürgermeister bekannt bin, sehe ich mich selbst als Sozialisten. Es freut mich aber, dass es durch meine Tätigkeit selbstverständlicher geworden ist, dass man in der Türkei das Wort »Kommunismus« in den Mund nimmt. Das ist dort eigentlich ein Tabu.

Von 2014 bis zu Ihrer Wahl zum Bürgermeister von Dersim waren Sie bereits Bürgermeister der Kleinstadt Ovacik. Dort haben Sie viele soziale Projekte umgesetzt. Welche waren das?

Dazu muss ich sagen, dass die Voraussetzungen in Ovacik schwierig waren, weil viele in die Großstädte gegangen oder arbeitslos geworden waren. Als sozialistischer Bürgermeister muss man Menschen in Not etwas anbieten, was ihnen konkret im Alltag hilft. In Ovacik ist es mir gelungen, dass der Wasserpreis fünf Jahre lang bei sehr günstigen rund 50 Lira pro Kubikmeter, also etwa zehn Cent, lag und der öffentliche Nahverkehr kostenlos wurde. Wir haben landwirtschaftliche Kooperativen gegründet, von deren Einkünften Kinder und Jugendliche aus armen Familien Stipendien erhalten, damit sie zur Schule gehen oder studieren können.

Lässt sich so etwas auch in Dersim umsetzen? Die Kassen der Stadtverwaltung seien leer, wird berichtet.

Finanzielle Probleme gibt es nicht nur in Dersim, sondern allgemein in der Türkei, vor allem in den kurdischen Gebieten. Viele Kommunen sind überschuldet, und das Geld, das die Regionalverwaltungen überweisen, deckt nicht einmal die Personalkosten. In Dersim erleben wir eine große Solidarität, viele wollen bei uns investieren. Auch durch den Tourismus wollen wir mehr Arbeitsplätze schaffen. Dersim hat ein großes kulturelles Erbe. Wie in Ovacik sollen Kooperativen gegründet werden. Damit wir handlungsfähig werden, müssen wir aber über unsere Stadt, etwa über unsere Grundstücke, selbst verfügen können. Bislang entscheidet in der Türkei in vielen Bereichen die Zentralregierung. Wir möchten endlich über unsere Berge, unser Wasser, unsere Reichtümer, unsere Stadt selbst entscheiden.

Bürgermeister anderer kurdischer Städte wurden zuletzt abgesetzt. Schützt Sie Ihre Bekanntheit vor einem solchen Schritt?

Warum ich nicht so attackiert werde, kann ich nicht sagen. Überall auf der Welt steht die Arbeit von Sozialisten unter scharfer Beobachtung. Was wir, die HDP und andere demokratische Kräfte machen, ist nichts Illegales, sondern eine offene demokratische Arbeit. Darum haben wir keine Angst. Wir lassen uns nicht einschüchtern und setzen unsere Arbeit fort, so lange und so gut wir können.

Fatih Mehmet Macoglu ist Mitglied der TKP (Kommunistische Partei der Türkei) und wurde bei den Kommunalwahlen im März zum Bürgermeister der Provinzhauptstadt Dersim (türkisch: Tunceli) gewählt

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Aktivisten besetzten am Mittwoch kurzzeitig die Regierungspresse...
    17.10.2019

    Kumpanei am Pranger

    Protest gegen Militärhilfe: Partei Die Linke und Aktivisten verlangen von Regierung klare Haltung gegen türkischen Angriffskrieg auf Nordosten Syriens
  • Aktion der »Sozialistischen Jugend – Die Falken« und der Linksju...
    16.10.2019

    »Das deutsche Kapital ist mitverantwortlich«

    Türkischer Einmarsch in Nordsyrien: Linke solidarisieren sich in BRD mit kurdischer Bewegung und kritisieren Waffenexporte. Gespräch mit Nico Schreiber
  • Unterstützung unter Vermittlung Russlands: Syrische Regierungstr...
    15.10.2019

    Gegenwind für Ankara

    Nordsyrien: Regierungstruppen kommen Kurden zu Hilfe. EU-Außenminister fordern Ende des türkischen Feldzugs. Warnung vor NATO-Bündnisfall

Regio:

Mehr aus: Ausland