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Aus: Ausgabe vom 12.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literaturnobelpreis

Wem Ehre gebührt

Lesen Sie Olga Tokarczuk. Es lohnt sich
Von Reinhard Lauterbach
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Gegenseitige Abneigung: Olga Tokarczuk steht mit der polnischen Rechtsregierung auf Kriegsfuß

Polens Kulturminister Piotr Glinski wollte originell sein: Er habe nichts von ihr zu Ende gelesen, schrieb er auf Twitter. Soll heißen: weitschweifiges, verlabertes Zeug. Aber »ein großer Erfolg für Polen« sei die Auszeichnung von Olga Tokarczuk mit dem Literaturnobelpreis trotzdem. Die Abneigung zwischen der Romanautorin und Polens Regierenden ist gegenseitig. Sie hat sich aktiv an den »Schwarzen Protesten« polnischer Frauen gegen die Verschärfung des Abtreibungsrechts beteiligt, sie protestiert gegen die Aufmärsche sogenannter Patrioten. PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski nannte ihren letzten Roman »Die Jakobsbücher« »antipolnisch« und meinte, gegen solche wie sie müsse Polens Ehre verteidigt werden.

Es ist genau andersherum. Olga Tokarczuk verteidigt mit ihrem Werk die Ehre der polnischen Kultur, zumindest derjenigen, die sich dem Nationalismus verweigert und nicht in Klerikalismus und ewig beleidigter Nabelschau versinken will. Ihr letzter großer Roman, »Die Jakobsbücher« von 2015, ist ein breitangelegtes 1.100-Seiten-Epos über das Polen des 18. Jahrhunderts, das bei Tokarczuk bei weitem nicht als die Goldene Zeit daherkommt, als die es im historischen Diskurs gerühmt wird. Nicht Toleranz und Freiheit kennzeichnen im Roman diese Epoche, sondern religiöse Engstirnigkeit und Leibeigenschaft.

Olga Tokarczuk, 1962 geboren, ist von Ausbildung Psychologin und hat anfangs als Therapeutin in einer Jugendeinrichtung gearbeitet. Mit dem wachsenden Erfolg ihrer Bücher musste sie das nicht mehr; heute lebt sie in einem kleinen Dorf im Glatzer Bergland an der Grenze zu Tschechien. Dort ist ihr Roman »Der Gesang der Fledermäuse« (2011) angesiedelt, eine aufs polnische Land verlegte Michael-Kohlhaas-Geschichte. Es geht um eine ältere Frau, in deren Umgebung serienweise Männer umkommen, die auf die Jagd gehen. Sie interpretiert das als Rache der Tiere, die den Jägern zum Opfer fallen, aber das stimmt natürlich nicht. Es ist die alte Frau selbst, die die Rache der Kreatur in die Hand nimmt – mit einem Happyend: Die Polizei kriegt sie nicht. Unter dem Titel »Die Spur« ist der Roman von Agnieszka Holland im Stil eines Regionalkrimis verfilmt und 2017 auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet worden. Ein Film, der damals unter die Haut ging und in dem die bedrückende Atmosphäre der polnischen Provinz mit berückenden Aufnahmen der umgebenden Bergwelt weniger kontrastierte als vielmehr kontrapunktisch zusammenspielte, die Idylle sich als Schein erwies.

Olga Tokarczuks Erzählweise erinnert manchmal an Gabriel García Márquez, und genau wie dessen Romane ziehen auch die von Olga Tokarczuk den Leser erst allmählich in ihren Bann. Aber dann lassen sie einen auch nicht mehr los.

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