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Aus: Ausgabe vom 10.10.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

»Kein angemessener Gastgeber«

Nach Gängelung: Gladbacher Fanhilfe bezichtigt türkische Behörden der Lüge und fordert Verlegung des Champions-League-Finales 2020
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Fans vom Niederrhein beim Spiel Gladbach gegen Basaksehir in Istanbul (3.10.2019)

Nach der Gängelung von Borussia-Mönchengladbach-Fans durch türkische Polizisten am Rande eines Champions-League-Spiels weist die Fanhilfe Mönchengladbach die Darstellung der Ereignisse durch die türkischen Behörden teilweise als »glatte Lüge« zurück. In einer Mitteilung vom Dienstag fordert sie, die Austragung des Champions-League-Finales 2020 im Istanbuler Atattürk-Olympiastadion zu hinterfragen: »Wer Fans erst schikaniert, ihnen christliche Symbole verbietet und sie auch noch angreift, dann im nachhinein darüber lügt und sich ausschweigt, kann kein angemessener Gastgeber sein.«

Die Istanbuler Polizei hatte in einer Stellungnahme vom Freitag behauptet, vor der Partie Basaksehir gegen Gladbach am vergangenen Donnerstag keine deutschen Zuschauer in Gewahrsam genommen und auch keine Banner wegen religiöser Symbole verboten zu haben. Die Fanorganisation betont demgegenüber, es seien sehr wohl zwei Gladbach-Anhänger vorübergehend festgesetzt worden, weil man ihnen Angriffe auf Sicherheitskräfte vorgeworfen hatte. Diese Anschuldigungen seien aber durch Videoaufnahmen und Augenzeugen entkräftet, die beiden Personen freigelassen worden. Zudem seien Fahnen mit dem alten Gladbacher Stadtwappen verboten worden. Die Polizisten und Ordner hätten offenbar besonders Anstoß an der Darstellung des Stadtpatrons St. Vitus genommen, und diese als »christliches Symbol« moniert.

Überhaupt beklagt die Fanhilfe eine »katastrophale Organisation« sowie »aggressives und eskalierendes Verhalten« der türkischen Polizei. Die durch die Behörden erzwungene Anreise der Fans mit Bussen sei schlecht geplant gewesen, weshalb es zu einer inakzeptabel späten Ankunftszeit und großem Gedränge am Stadioneingang gekommen sei. Das Verbot eines weiteren Banners wegen des Schriftzuges »Ul­tras« sei zudem weder Fans noch Verein vorab mitgeteilt worden, äquivalente Banner mit dem Schriftzug »Ultraslan« seien beim Istanbuler Verein Galatasaray häufig zu sehen. Die Polizei hatte das Verbot mit dem türkischen Gesetz 6222 gegen Hooliganismus begründet. Seitdem Ultras der großen Istanbuler Klubs eine wichtige Rolle bei den Gezi-Park-Protesten 2013 gespielt hatten, gehen die türkischen Behörden verschärft gegen »politische Botschaften« im Stadion vor. Die Gladbacher Fanhilfe bezeichnet das in ihrer Mitteilung als »reine Schikane«, das Gesetz sei »eine Gängelung«, das alltägliche Fanaktionen kriminalisiere. (jW)

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