Gegründet 1947 Dienstag, 15. Oktober 2019, Nr. 239
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 10.10.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

»Steine und Beine«

Drittligist SpVGG Unterhaching will zurück auf die große Bühne. Helfen soll dabei Geld aus einem Börsengang
Von Rouven Ahl
SpVgg_Unterhaching_g_62161764.jpg
Bim-Bim: Unterhachings Präsident Manfred Schwabl läutet die Glocke für den Handelsstart an der Börse (30.7.2019)

Dominik Stroh-Engel war einmal Teil der ganz großen Fußballwelt. Immerhin hat der 33jährige Stürmer für Eintracht Frankfurt und den SV Darmstadt 98 insgesamt 22 Einsätze in der Bundesliga absolviert. Ein Tor ist ihm dabei allerdings nicht gelungen. Dafür hat Stroh-Engel in den unteren Klassen um so häufiger getroffen. Es ist zwar schon eine Weile her, aber in der Saison 2013/14 netzte er gleich 27mal in der dritten Liga ein. Damit schoss er die Darmstädter zum Aufstieg. Der Rest seiner Karriere verlief dann weniger erfolgreich.

Am vergangenen Wochenende zeigte sich Stroh-Engel jedoch eiskalt vor dem Tor. Abermals in der dritten Liga. Für seinen neuen Verein, die SpVgg Unterhaching, erzielte er gegen Preußen Münster das zwischenzeitliche 2:0. Es war bereits sein dritter Saisontreffer. Am Ende reichte es leider nur zu einem 2:2. Wie ihr Angreifer gehörte auch die SpVgg Unterhaching einmal der ganz großen Fußballwelt an. Zwei Jahre spielte der Münchner Vorortklub Anfang des Jahrtausends in der Bundesliga.

Die Zeit danach verlief sportlich wie finanziell eher trist. 2010 konnte eine Insolvenz nur knapp abgewendet werden. Fünf Jahre später fand sich Unterhaching für zwei Spielzeiten in der Regionalliga wieder. Seit 2017 kämpft man wieder in der Dritten Liga um Punkte. Nach zwei sportlich eher durchwachsenen Spielzeiten führt die Mannschaft von Trainer Claus Schromm momentan die Tabelle an.

Der Aufstieg in die Zweite Bundesliga wäre der große Traum von Präsident Manfred Schwabl. Der ehemalige Bundesligaprofi ist seit 2012 der starke Mann bei der Spielvereinigung. Mit 700.000 Euro aus dem Privatvermögen half er bei seinem Einstieg dabei, erneut eine Insolvenz abzuwenden.

Schwabl ist ein hemdsärmeliger Typ, ein Macher, wie man so schön sagt. Einer, der weiß, dass die Dritte Liga eine Art finanzielle Vorhölle ist. Was vor allem an den hohen Kosten für den Spielbetrieb und den vergleichsweise geringen TV-Einnahmen liegt. Lange überleben Vereine ohne einen Investor hier nicht – seit der Gründung vor rund zehn Jahren musste gut ein Dutzend aus finanziellen Gründen zwangsabsteigen.

Einem Insvestor aber wollte er seinen Verein nicht ausliefern. Daher hat er sich einen anderen, für einen Provinzklub höchst ungewöhnlichen Weg überlegt: den Gang an die Börse. Was zunächst wie eine Schnapsidee klang, ist mittlerweile Realität: Die »Haching-Aktie« wird seit Ende Juli an der Münchner Börse gehandelt. Damit ist Unterhaching nach Borussia Dortmund erst der zweite deutsche Profiverein, der diesen Schritt wagt. Dafür wurden im Dezember 2018 Profiabteilung und Jugendteams (U16–U19) ausgegliedert.

»Als kleiner Verein muss man innovativ sein, sonst hat man im Haifischbecken Profifußball nichts verloren«, sagte Schwabl gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Der Start der Aktie verlief anfangs vielversprechend. Am Ende des ersten Börsentages überstieg ihr Wert sogar den Ausgabepreis (inzwischen ist er um mehr als ein Drittel gesunken). Das – bestenfalls – über die Aktie lu­krierte Geld soll laut Schwabl »in Steine und Beine« investiert werden, also in Mannschaft und Infrastruktur. »Irgendwann muss die Struktur da sein, dass man aus einer gesicherten Position heraus handeln kann und nicht immer nur auf die Lizenzierung schauen muss«, so Schwabl bei der öffentlichen Vorstellung des Konzepts Ende Juni.

Für Schwabl ist der Gang an die Börse auch ein Schritt in die Unabhängigkeit. Er will damit laut dem Kicker »sein Herz selbst in die Hand nehmen. Deshalb dieser Börsengang, weil ich nicht mehr abhängig sein will, nicht von einem Investor, nicht vom Verband, nicht vom System deutscher Fußball DFL-DFB.«

So schön das alle klingen mag, ist doch eines klar: Unterhaching muss in den nächsten Jahren aufsteigen. Schwabl hat dafür die Saison 2021/22 angepeilt. »Ich werde keine Ruhe geben, bis wir oben sind«, verspricht er. Ein Aufstieg ist allerdings auch mit frischem Geld kein Selbstläufer. Eine schmerzhafte Erfahrung, die auch schon andere Vereine machen mussten. Haching geht ein hohes Risiko. Weitere Tore von Dominik Stroh-Engel sind also ein Muss.

Mehr aus: Sport