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Aus: Ausgabe vom 09.10.2019, Seite 16 / Sport

Schweizer Käse

Von André Dahlmeyer
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Ihm tun die Waden weh: Cerro Porteños Nelson Haedo Valdez

Einen wunderschönen guten Morgen! Am 13. Spieltag des Torneo Clausura Paraguays hat Cerro Porteño, der Klub aus dem Barrio Obrero (Arbeiterviertel) Asuncións, eine harte Auswärtsniederlage beim Team Deportivo Capiatá eingefahren, das mit dem Sieg die direkten Abstiegsplätze verließ, während der »Ciclón« nun bereits 13 Punkte Rückstand auf den ewigen Rivalen und Tabellenanführer Olimpia aufweist. Olimpia, das Team von Daniel Garnero, für das auch der Exmünchener Roque Santa Cruz aufläuft, gewann daheim autoritär mit 3:0 gegen den Traditionsverein Nacional. Nach der Niederlage Cerros wurde deren argentinischer Trainer Miguel Ángel Russo entlassen. Die Verfolger Guaraní und Libertad unentschiedelten 1:1. Damit verfügt Olimpia nun über einen komfortablen Vorsprung von vier Punkten auf Libertad.

Bei dem Match im fast leeren Estadio Erico Galeano von Capiatá ging’s hoch her. Die Gastgeber waren dem 32maligen Meister Paraguays klar überlegen und nutzten die Defensivschwächen des Ciclón eiskalt, der es verpasste, Punkte auf Guaraní und Libertad gutzumachen. Doch zunächst glänzten die Gäste, angeführt von Rechtsaußen Sergio Díaz und Kapitän Nelson Haedo Valdéz. Der ehemalige Werderaner, Dortmunder und Frankfurter gab von der rechten Sanktionsraumseite einen schroffen Schusspass herein, ein Verteidiger zeigte sich geschockt, es waren gerade fünf Minuten gespielt, und Federico »Pachi« Carrizo ließ sich die Chose nicht nehmen, lochte flach zum 0:1 ein.

Dabei blieb es nicht lange, die »Besenbinder« nutzten die fragile Gästeabwehr. Maicol Fernández startete über links bis zum Sechzehner im HipHop-don’t-stop-Hasenzickzack und steckte die Kugel dort zu Hugo López durch. Dessen Abschluss ließ zwar Präzision vermissen, aber der juvenile Leonardo Rivas schaukelte das Ballgerät beim Rettungsversuch astrein über die Linie. Ausgleich.

Entschlossen versuchten die Gäste das zu korrigieren. Schließlich stand unter anderem so was hausbackenes wie die gute alte Ehre auf dem Spiel. Der Ausgang wollte nicht so recht gelingen, aus dem schnieken Betriebsausflug wurde nichts. Gegenspieler in den Anhöhen der frühlingshaften Mittelfeldregionen anbaggern? Pustekuchen! Die von Capiatá hatten die Sierras doch komplett zugestellt, ausgemusterte alte Bauernschränke angeschleppt, Autowracks, das ganze verdammte Programm. Dazwischen fläzten sich gedankenverloren einige Heimkicker und angelten Fische, mit Schnüren, an denen Magneten hingen.

Dann kam da wie aus dem Nichts der Todeskonter der Capiateños. Alles Bluff. Als die Besenbinder Ernst machten, fiel die Gästeabwehr in sich zusammen. Nach einem Ballverlust an der Mittellinie war es schließlich »Sa-Sa« (Santiago Salcedo), der ehemalige Megatorjäger von Cerro Porteño, der Ex-River-Plate-Tormann Juan Pablo Carrizo beim Eins-zu-eins keine Chance ließ. Beim Versuch, einen erneuten Betriebsausflug anzuzetteln, wurde jedoch nur deutlich, dass Cerro an diesem Tag ganz einfach so etwas wie Fußball fehlte, um beim Gegner irreparablen Schaden verursachen zu können. Capiatá? Geordnet. Alle Bücher im Regal.

Dann schmissen die Cerristas ihre letzte Geheimwaffe auf den Grillrost: das gute alte »Beam me up, Scotty!«. Schon befand sich der Argentinier Joaquín Larrivey im Strafraum, fiel, und klar: War bestimmt illegal. Haedo Valdéz tauschte das Geschenk mit einem Bombazo in ein Tor um. 2:2.

Nach dem Pausen-Tereré dauerte es zwei Warhol-Stunden, bis Salcedo dieses Unglück mit einem Freistoß wieder richtigstellte. Die Mauer war ein Schweizer Käse.

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