Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 09.10.2019, Seite 4 / Inland
Besetztes Haus geräumt

Spekulationsobjekt gesichert

Frankfurt am Main: Polizei beendet Projekt für soziales Nachbarschaftszentrum
Von Gitta Düperthal
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Besetzer in der Frankfurter Kaufunger Straße haben vorerst verloren: Das Haus wurde am Dienstag von der Polizei geräumt

Dienstag morgen, kurz nach fünf Uhr, klingelte das Telefon bei einigen Frankfurter Stadtverordneten, Ortsbeiräten, Journalisten und natürlich den Unterstützern der Hausbesetzer in der Kaufunger Straße 4. Sie wurden gebeten, mit ihrer Anwesenheit Schutz vor möglicher Polizeigewalt bei der bevorstehenden Räumung zu bieten. Mehrere Polizeiwagen und Räumpanzer waren auf dem Weg zu dem seit Samstag besetzten Haus im Stadtteil Bockenheim.

Wenig später trugen Einsatzkräfte die Besetzerinnen und Besetzer, die nur passiven Widerstand geleistet hatten, zur Aufnahme der Personalien davon. Ihnen drohen nun Verfahren wegen Hausfriedensbruch. Gegen acht Uhr war das fortschrittliche Kulturprojekt beendet, das die Aktivistinnen und Aktivisten der Initiative »Social Hub« und des Bockenheimer Stadtteilbüros im Haus geplant hatten. Trotz des Umstandes, dass die Besetzer zuvor bekannt gemacht hatten, keinen gewaltsamen Widerstand leisten zu wollen, seien einige Polizisten sehr rabiat gewesen, sagte die Sprecherin der Initiative gegenüber jW. Von unangemessener Gewalt seitens der Beamten könne keine Rede sein, hielt die Einsatzleiterin der Polizei vor Ort dagegen. Es seien ja »genügend Zeugen vor Ort«.

Am Montag abend, als die Stimmung im Haus noch gut war, erläuterte die 19jährige Besetzerin Laura gegenüber jW die Pläne, denen zufolge hier ein soziales Nachbarschaftszentrum hätte entstehen sollen. Die jungen Leute im Haus hätten dafür auf die Unterstützung der Nachbarschaft zählen können, die offensichtlich seit langem wegen der Gentrifizierung im Umfeld in Sorge ist. Anwohner hätten ihnen Frühstück vorbeigebracht und am Samstag, dem Tag der Besetzung, ein Stadtteilfest mitgefeiert. »Wir haben Energie in das Projekt gesteckt, unser Herz hängt daran«, sagte die junge Frau, die gerade ihr Abitur bestanden hat. Sie habe »ein Gefühl von Zusammenhalt« empfunden, die »Freiheit mitgestalten zu können«. Mitbesetzerin Noah, noch Schülerin, berichtete, dieses Haus, einstmals eine Backstube, zeitweise dann »Dritte-Welt-Haus« und »Tibethaus«, sei mit Lebensgeschichten im Stadtteil verbunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg, hieß es, sei das Gebäude das erste Haus mit Dachbegrünung in der Stadt gewesen. Daran wollten die jungen Leute anknüpfen. Geplant war ein Kollektivcafé, Versammlungsräume für Selbsthilfegruppen, für Lesungen und Vorträge, ein Gartenprojekt mit rollstuhlgerechten Hochbeeten, ein »Umsonstladen«, dazu noch eine Bibliothek mit PC-Arbeitsplätzen.

Der wohnungspolitische Sprecher der Fraktion Die Linke im Stadtparlament, Eyup Yilmaz, und sein Parteikollege vom Bockenheimer Ortsbeirat, Hans-Jürgen Hammelmann, beobachteten die Räumung erkennbar gereizt. Sie wollen mit einem Antrag im Stadtparlament die Stadt auffordern, das Haus zu kaufen. Es sei »aus historischen Gründen schützenswert« und unter Denkmalschutz zu stellen, um es als kulturelles und soziales Zentrum im öffentlichen Eigentum gemeinnützig weiterzuführen.

Der ebenfalls erschienene Martin Völker, SPD-Fraktionsvorsitzender im Ortsbeirat, erklärte, die jungen Leute hätten zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass hier ein Spekulationsobjekt von einem privaten Eigentümer zum anderen weitergereicht werde. Er wollte sich aber nicht festlegen, ob die SPD den Antrag der Linken mittragen will. »Die SPD und Bündnis 90/Die Grünen, in Frankfurt mit der CDU an der Regierung, tun stets so, als würden sie sich hierfür interessieren«, kritisierte Yilmaz. Sie nutzten aber das Vorkaufsrecht der Stadt nicht; schauten tatenlos zu, wie ständig neue hochpreisige Eigentumswohnungen entstehen. Die Hausbesetzer aus der Kaufunger Straße und ihre Unterstützer wollen weiterhin Druck machen.