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Aus: Ausgabe vom 07.10.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Schuldenfalle

Armutsfalle Mikrokredit

Plötzlich landlos: In Kambodscha hat einer Studie zufolge der boomende Markt für Kleinstdarlehen gravierende Folgen für säumige Zahler
Von Thomas Berger, Phnom Penh
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Beliebte Zielgruppe für Mikrofinanzdealer: Reisbauern in Kambodscha

Der Titel der Studie klingt eindeutig: »Collateral damage« (Kollateralschaden) haben ihre Auftraggeber, die Organisationen »Cambodian Leage for the Promotion and Defense of Human Rights« (LICADHO) und Sahmakum Teang Tnaut (STT) sie genannt. Veröffentlicht im August als Broschüre, beschäftigt sie sich mit den gravierenden Folgen des Mikrokreditebooms in Kambodscha. Diese massenhafte Vergabe von Kleinstdarlehen an ärmere Handwerker oder Bauern führt immer häufiger zu Überschuldung. Die Landaneignung durch die Finanzinstitute oder Zwangsverkäufe sind laut der Erhebung weitere »kollaterale« Auswirkungen der einst als Königsweg für sich entwickelnde Staaten bezeichneten Finanzierungsmethode, bei der ausländische Geldgeber und Teilhaber eine wichtige Rolle spielen.

Beide Vereine verfügen über langjährige Erfahrungen bei der Unterstützung jener, die von Landraub und Vertreibungen betroffen sind. Trotz der relativ geringen Zahl der Beispielfälle seien diese tiefgehend untersucht worden. Sie beleuchten das Problem in vier verschiedenen Provinzen sowie in der Hauptstadt Phnom Penh und führen zu fundierten Aussagen. Das Autorenteam betont dabei, es sei nicht um einen statistisch repräsentativen Ausschnitt gegangen, sondern darum, bestimmte Aspekte näher auszuleuchten und damit besser zu verstehen. Besonderes Augenmerk liege darauf, dass 75 Prozent der Mikrokreditnehmer in Kambodscha Frauen seien.

Schon in den frühen 90ern, parallel zum formellen Ende des Krieges, der dem Regime der »Roten Khmer« ein Ende machte, wurden damit zur allmählichen Öffnung des Landes die Grundstrukturen des Mikrofinanzsektors etabliert. Es waren das Entwicklungsprogramm der UN (UNDP) und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), die bei der Gründung der Association of Cambodian Local Economic Development Agencies (ACLEDA) Pate standen. Heute ist diese »Schöpfung« zur größten Bank des Landes geworden und repräsentiert mit einer ausgereichten Kreditsumme von umgerechnet 1,6 Milliarden US-Dollar (der in Kambodscha offizielle Zweitwährung ist) den zweitgrößten Akteur im dortigen Mikrofinanzmarkt. Insgesamt sind über die kambodschanische Nationalbank (NBC) 80 solcher Kreditorganisationen offiziell registriert. Hinzu kommen Hunderte lokale Akteure, die ebenfalls Kleinstdarlehen vergeben. Das offizielle Ausleihvolumen aller großen Anbieter hat sich laut Studie von umgerechnet 300 Millionen Dollar im Jahr 2009 auf 5,4 Milliarden Dollar aufgebläht.

Den Löwenanteil davon machen die neun »Großen« des Sektors aus. Vor der erwähnten ACLEDA (sie ist zu 51 Prozent in kambodschanischer Hand) rangiert die PRASAC Microfinance Institution mit knapp zwei Milliarden Dollar Kreditsumme. Diese gehört zu 70 Prozent Investoren aus Sri Lanka und zu 21 Prozent Geldgebern aus Hongkong. Mit einigem Abstand folgen Sathapana (vollständig in japanischer Hand), HKL (Thailand), LOLC (Sri Lanka) und weitere von ausländischem Kapital kontrollierte Institute. Amret, der viertgrößte Kreditgeber mit laut Studie aktuell 789,4 Millionen Dollar Ausleihen, wird nahezu komplett von staatlichen und überstaatlichen Geldgebern aus dem Ausland kontrolliert. Dazu gehören ein Mitglied der Weltbankgruppe, die Europäische Investitionsbank sowie Institute aus Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien. Auch die deutsche Staatsbank KfW macht mit. Auf ihrer Webseite wirbt sie dafür mit dem Slogan »Wege aus Armut und Subsistenzwirtschaft«.

Gemeinsam ist laut Studie allen Akteuren ein fragwürdiges Vorgehen. So würden die Familien der Kreditnehmer stark unter Druck gesetzt, sobald sie nur wenige Tage in Verzug bei der Kreditrückzahlung seien. In einem geschilderten Fall seien elf Personen mit vier Fahrzeugen vorstellig geworden, um einen betroffenen Bauern entweder zu umgehender Zahlung oder anderweitig dem Verkauf seines Grundstücks zu nötigen. In einem anderen Falle hatte eine Mutter von fünf Kindern aus der Not heraus einen Job im benachbarten Thailand angenommen, von wo aus sie pünktlich die Kreditraten überwies. Als sie heimkehrte, musste sie feststellen, dass die Bank hinter ihrem Rücken ihr als Sicherheit angegebenes Grundstück verkauft und auf dem Vertrag ihren Fingerabdruck gefälscht hatte. Von den untersuchten 28 Fällen, heißt es in der Zusammenfassung der Studie, endeten 22 in erzwungenen Landverkäufen, bei 13 gab es Folgen in Form von Kinderarbeit, 26 Familien konnten sich keine ausreichende Ernährung mehr leisten.

Zwar sind die zumeist enormen Zinsen inzwischen staatlicherseits bei 18 Prozent p. a. gedeckelt – was immer noch unmöglich hoch ist. Vielfach werde zudem bei privaten Kredithaien ein zweites Darlehen zu Wucherzinsen aufgenommen, um den ersten Mikrokredit zurückzahlen zu können, so die Studie weiter. Manchmal folge dann ein weitaus größerer Mikrokredit, um den zweiten Gläubiger zu bedienen – die neue Summe sei dann aber erst recht nicht mehr zu bewältigen. LICADHO und STT kritisieren die oft direkte Weitervermittlung zu fragwürdigen Geldgebern durch die Mitarbeiter der Mikrofinanzinstitute. Ebenso kritisch anzumerken sei, dass die Banken des Sektors die vor einigen Jahren eingeführte staatliche Zinskappung damit umgehen, dass sie bei Krediten einfach die Gebühren erhöht hätten.

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