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Aus: Ausgabe vom 04.10.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Erderwärmung

Russland entdeckt das Klima

Moskau ratifiziert Pariser Klimaabkommen. Reduktionsziele von CO2-Emissionen klingen ehrgeiziger, als sie in Wahrheit sind
Von Reinhard Lauterbach
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Klimawandel ist auch in Russland angekommen: Eine überflutete Straße in Nischni Nowgorod (19.6.2018)

Ohne großes öffentliches Aufsehen hat Russland Ende September das »Pariser Klimaprotokoll« ratifiziert. Damit verpflichtete sich das Land, seinen CO2-Ausstoß um 30 Prozent zu reduzieren – allerdings gegenüber dem Stand von 1990. Das bedeutet, dass – ähnlich wie im Falle Ostdeutschlands, dessen Deindustrialisierung nach 1990 die Klimabilanz der BRD schönt – der wirtschaftliche Zusammenbruch der Neunziger der Regierung schon einen Großteil der Arbeit abgenommen hat. Die russischen CO2-Emissionen lagen 2017 bei 1.765 Millionen Tonnen, das sind knapp 27 Prozent weniger als 1990, als die sowjetische Industrie 2.365 Millionen Tonnen in die Luft pustete. Das Land könnte also mehr oder minder so weitermachen wie bisher.

Nimmt man dagegen gemäß den Festlegungen des Pariser Übereinkommens die Zahlen von 2005 als Ausgangspunkt der verlangten Reduktion, so steht Russland eine ehrgeizige Aufgabe bevor: seine Treibhausgasemissionen um 550 Millionen Tonnen pro Jahr zu reduzieren. Heute ist Russland der viertgrößte Emittent von Treibhausgasen auf der Welt. 53 Prozent davon entstehen bei der Verbrennung von Treibstoffen, also duch Verkehr und Heizung. Weitere 27 Prozent gelangen als Nebenprodukte der Gewinnung von Öl und Gas in die Atmosphäre – die berühmten Abgasfackeln, die zum alltäglichen Bild der Förderanlagen gehören, Lecks in den Leitungen und dergleichen. Sparsamer Umgang mit Rohstoffen hat in einem Land, in dem diese so reichlich vorhanden sind, keine Tradition. Nach wie vor gibt es in den Wohnungen des zu Sowjetzeiten gebauten Altbestandes keine Wärmezähler; wenn es im Winter in der Wohnung zu heiß ist, macht man halt das Fenster auf. Auch das Warmwasser wird meist zentral erzeugt und über – im übrigen mangelhaft isolierten und im Winter mit imposanten Eiszapfen dekorierten – Leitungen in die Wohnungen transportiert, und wer nah am Heizwerk wohnt, dem läuft es fast kochend aus dem Kran.

Bisher hat sich Russland gegenüber dem Klimawandel gern einen leichten Fuß gemacht und darauf verwiesen, dass seine riesigen Waldbestände – 25 Prozent des weltweiten Waldes liegen in Russland – als sogenannte Senken auch gewaltige Mengen CO2 wieder aufnehmen. Bezogen auf den russischen Ausstoß ein gutes Drittel. Im übrigen freute man sich über längere Vegetationsperioden in Sibirien und eine bessere Passierbarkeit der Nordostpassage entlang der Nordküste Sibiriens sowie die Möglichkeit, im hohen Norden neue Rohstofflager zu erschließen.

Solches Denken ignoriert die erheblichen Nachteile, die der Klimawandel auch für Russland mit sich bringt. Nicht nur, dass die Bewässerung der bisherigen Kornkammern im Süden des Landes – etwa am Nordrand des Kaukasus – immer schwieriger wird. Auch im Norden bringt die Erwärmung mindestens so viele Risiken wie Chancen. Eine Gefahr ist einstweilen theoretisch, aber absehbar: Wenn der Permafrostboden in Russlands Norden auftaut, drohen große Mengen CO2, die er jetzt bindet, schlagartig in die Atmosphäre zu gelangen. Messungen haben gezeigt, dass die Temperatur des Permafrostbodens um ca. ein Grad pro Jahrzehnt steigt. Derzeit liegt sie bei minus drei Grad, der Nullpunkt könnte also in 30 Jahren erreicht sein. Und wenn in der Taiga jährlich Flächen im Umfang deutscher Bundesländer niederbrennen, geht damit auch ihre Fähigkeit verloren, CO2 zu absorbieren.

Schon viel schneller könnte das schrittweise Auftauen des Dauerfrostbodens allerdings genau jene Nutzung des hohen Nordens erschweren, die bereits abläuft. Denn dann droht der bisher stabile Untergrund für Häuser und Anlagen aller Art schwammig zu werden; ganze Städte könnten im Sumpf versinken, wenn die Pfähle, auf denen die Häuser etwa in Jakutien auch heute schon stehen, plötzlich eben nicht mehr bis auf den Permafrostboden reichen, sondern im Matsch enden. Unter anderem aus diesem Grund hat der Rohstoffkonzern Norilsk Nickel, dessen Hauptproduktionsstätten genau auf solchem Gelände stehen, in den letzten Jahren zwei Milliarden US-Dollar für die CO2-Reduktion ausgegeben. Ein anderer ist, dass Ignoranz gegenüber dem Klimawandel auch bei Investoren nicht mehr so gut ankommt. Eine wachsende Zahl von Fonds bezieht »ESC«-Kritierien (Umwelt, Soziales und Einhaltung guter Sitten) in ihre Investitionsentscheidungen ein.

Völlig untätig ist Russland gegenüber dem Klimawandel aber auch nicht geblieben. Offene Ignoranz wie von seiten des US-Präsidenten kommt in der dortigen Politik nicht vor, und die Energieeffizienz der russischen Wirtschaft bessert sich. So ist während der Jahre des Ölpreisbooms von 2000 bis 2012 die russische Volkswirtschaft um 173 Prozent gewachsen, die Emissionen aber »nur« um 112 Prozent. Ein Handelssystem für Emissionsrechte ist in Vorbereitung, einstweilen sind die emittierenden Einheiten – Unternehmen, Städte usw. – gehalten, ihren Ausstoß erst einmal zu erfassen.

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