Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 04.10.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
»Stickstoffsünder«

Wütende Bauern in Den Haag

Experten verlangen, Viehbestand drastisch zu verringern. Landwirte wehren sich
Von Gerrit Hoekman
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Mehr als 2.000 Bauern waren auf Traktoren unterwegs nach Den Haag (1.10.2019)

Die niederländischen Bauern wollen keine Sündenböcke sein. Am Dienstag versammelten sich nach Angaben der Veranstalter rund 20.000 Landwirte auf dem Malieveld in Den Haag, um gegen das schlechte Image zu protestieren, das ihnen anhaftet. Die Signalhörner der mitgebrachten Traktoren sorgten auf dem riesigen Platz vor dem Hauptbahnhof der Stadt für den richtigen Ton.

Aus allen Ecken des Landes waren sie nach Den Haag gekommen. Die meisten fuhren mit Bus, Bahn oder Auto, aber mehr als 2.000 machten sich mit ihren Treckern auf den Weg. Anlass für den Protest: Vor einer Woche hatte die Expertenkommission »Adviescollege Stikstofproblematiek« (Beirat für Stickstoffproblematik) die niederländische Regierung zu rigorosen Maßnahmen aufgefordert, um den Stickstoffausstoß zu verringern. Unter anderem verlangte die Kommission eine drastische Reduzierung des Viehbestandes. Mehr noch: Veraltete Betriebe in der Nähe von Naturschutzgebieten sollten ganz verschwinden. Der Bericht ist auf der staatlichen Internetseite Rijksoverheid.nl nachzulesen.

Das Papier machte die betroffenen Landwirte wütend. »In den vergangenen Jahren haben Politiker, Medien und Umweltaktivisten ein negatives Bild von den Bauern gezeichnet«, hieß es in dem Demoaufruf zum 1. Oktober. »Wir sind keine Tierquäler und Umweltverschmutzer.«

Leider sprechen fast alle Studien eine andere Sprache: Die Landwirtschaft ist für beinahe die Hälfte des Stickstoffausstoßes in den Niederlanden verantwortlich, berichtete die Nachrichtenseite Nu am Sonntag.

»Solange ich Ministerin bin, wird es keine Halbierung des Viehbestandes geben«, rief Landwirtschaftsministerin Cornelia »Carola« Schouten den Demonstranten laut De Volkskrant während ihrer Rede auf dem Malieveld zu. Schouten ist Mitglied der calvinistischen Christenunie, die Teil der Viererkoalition von Premier Mark Rutte ist. Sie hat ihre Hochburgen im überwiegend ländlich geprägten »Bijbelgordel« (Bibelgürtel).

Damit widersprach die Ministerin nicht nur dem von ihr beauftragten Adviescollege, sondern auch dem Koalitionspartner »Democraten 66« (D 66). Die Linksliberalen hatten zuvor eine Verringerung des Viehbestandes um die Hälfte gefordert. Dementsprechend wurde ihr Parlamentsabgeordneter Tjeerd de Groot bei seiner Rede gnadenlos von den Bauern ausgepfiffen, die ihm den Rücken zuwandten. Zahllose Mittelfinger waren zu sehen. Jesse Klaver von den Grünen erging es nicht anders.

Nach Polizeiangaben wurden am Rande der Demo sieben Personen vorübergehend festgenommen. Einige von ihnen hatten mit ihren Traktoren die Umzäunung um das Malieveld niedergewalzt, um auf den Platz zu gelangen. Die Bürgermeisterin von Den Haag hatte anfangs nur 75 Zugmaschinen auf das Gelände lassen wollen, nahm aber aus Sicherheitsgründen bald davon Abstand.

Am Morgen hatten die Landwirte mit ihren schweren Zugmaschinen auf den Autobahnen des Landes für Chaos im Berufsverkehr gesorgt. Laut dem Automobilverband ANWB verursachten sie dabei mit 1.136 Kilometern den längsten Morgenstau in der Geschichte der Niederlande.

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