Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 02.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Das Lächeln der Pilzfresser

Zugedröhnt und ganz in Weiß: Schwedisches Schicksal im Horrorfilm »Midsommar«
Von Peer Schmitt
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»Man befindet sich mitten im Kasperletheater des Paganismus/Satanismus«

Ist die Zeit nicht wieder überreif für speziell schwedische Erweckungsreligionen? Für grausame Seltsamkeiten, die wenig Widerspruch dulden? Wer jedoch darf es wagen, diese Rückwendung des Zeitgeistes auch ein klein wenig beängstigend zu finden? Regisseur Ari Aster hat mit seinem zweiten Film »Midsommar« eine ethnographische Erkundung des durchgeknallten Schwedentums abgeliefert. Sie ist so grotesk parodistisch wie niederträchtig, in jedem Fall ziemlich lustig.

In Asters Debüt, dem klaustrophobischen Horrorfilm »Hereditary« (2018) über das Eigenleben der Puppenhäuser und Spielzeuge, lagen haufenweise Bücher über Dämonologie herum. Ein Film der aufgeschlagenen Buchseiten. Nichts sollte ungelesen bleiben. In »Midsommar« wird dieses Prinzip exzessiv ad absurdum geführt. Der Film sonnt sich in seiner eigenen Lesbarkeit bis zur Offenbarung noch der letzten Lächerlichkeit.

Die erste Einstellung ist eine Wandzeichnung, im Stil grob zwischen mittelalterlichem Wandteppich und Kinderzeichnung. Das allegorische Gekrakel zeigt im Grunde die Handlung des Films. Die Wand ist auch so etwas wie der Vorhang eines Kasperletheaters. Wird sie beiseite geschoben, eröffnet sich eine Totale auf einen verschneiten Wald – ein Bild der Depression, wie sich schnell herausstellt.

Von der Schneelandschaft geht es in das Schlafzimmer friedlich entschlafener US-Amerikaner. Ein Telefonklingeln ist der (vergebliche) Weckruf. Großaufnahme einer weinenden jungen Frau (Florence Pugh), die ihre depressive Schwester zu erreichen versucht. Sie ruft ihren Freund (Jack Reynor) an. Der ist mit seinen Kumpels in der Kneipe. Kiffen und Pizza essen. Der Freund beschwichtigt. Die Schwester sei eine notorische Simulantin. Alles falscher Alarm. Danach diskutiert er mit seinen Kumpels, ob er diese offensichtlich zu anstrengende Beziehung mit der Frau und ihrer Familie von Nervensägen nicht vielleicht besser beenden sollte. Die Frau wiederum diskutiert mit wem anders als ihrer »besten Freundin«, ob sie nicht vielleicht wirklich zu anstrengend sei. Rollenklischees der Paarbeziehung par excellence. Und ein Selbstmord.

Die Anthropologiestudenten haben für den Sommer eine Reise nach Schweden geplant. Ein Kommilitone stammt von dort, aus einer Landkommune mit »traditionellen« religiösen Praktiken, ein willkommenes Studienobjekt. Die Reise findet statt. Die junge Frau begleitet ihren Freund und seine Anthropologenkumpels. Im Flugzeug bringt sie einen kleinen Panikanfall auf der Bordtoilette hinter sich und sitzt in einer Schlüsselszene beruhigt am Fenster. Die Kamera fährt an ihrem Gesicht vorbei durch das Fenster hindurch – aufgelöste Räumlichkeit im digitalen Postcinema – in die Wolkendecke hinein, die zu einer Art psychedelischem Strudel wird und plötzlich befindet man sich im Auto auf einer schwedischen Landstraße. Im Reich der Phantasie. Die reine Zitatphantasie.

»Midsommar« könnte durchaus auch »Die arglosen Anthropologen in Schweden« heißen, als wäre eine Studentenversion von Ingmar Bergmans »Szenen einer Ehe« (1974) eingebettet in das Szenario eines des legendären psychedelischen Trash-Satanisten-Horrorfilms: »The Wicker Man« (Robin Hardy, 1973). In jenem Film trifft ein so argloser wie frommer Polizist auf einer abgelegenen schottischen Insel auf Anhänger eines karnevalesken Satanskultes. Die große schwedische Prophetin Britt Ekland führt nackt und berückende Liedchen trällernd gefährliche Fruchtbarkeitstänze aus.

Der religiöse Kult, in den die Anthropologiestudenten in der schwedischen Provinz verstrickt werden, ist »The Wicker Man« höflich nachgebildet. Zumindest fehlen einige entscheidende Elemente nicht: karnevaleske Kostümierung, steile Felsen, ein Scheiterhaufen, jede Menge paganistisch/folkloristisch religiöser Quatsch und nicht zuletzt wilde Tänze, Ritualsex und psychotrope Drogen ohne Ende.

Die schwedische Landkommune in »Midsommar« besteht aus weißgekleideten Menschen, die milde lächeln im Wissen um die Selbstverständlichkeit der Grausamkeit und des Dachschadens. Es ist das Lächeln der Pilzfresser. Zugedröhnt und mordlustig. Gegessen wird an (natürlich) weißgedeckten Tischen, die in Form einer Rune gruppiert sind (den Abzeichen faschistischer Sekten nicht unähnlich). Den Gästen wird ein kollektiver Schlafraum zugewiesen, dessen Wände mit der Art von Zeichnungen geschmückt sind, die den Film eröffnet haben. Diese »Runen« sind ausgesprochen lesbar: der Bär und das Mädchen, der satanische schwarzer Hahn, eine Vagina dentata und so weiter. Man befindet sich mitten im Kasperletheater des Paganismus/Satanismus, die Grenzen sind offensichtlich fließend, das Parodistische geradezu überschäumend.

Von nun an geht es darum, die ignoranten Trottel aus den USA ihrem schwedischen Schicksal zuzuführen. Schicksal und eine auf das entsprechend Symbolische reduzierte Natur sind selten angenehm. Auch hier nicht. Dafür bekommt man eine groteske Sexritualszene wie aus dem Bilderbuch, beiläufigen Totschlag und das hinterhältigste Bärenkostüm und den lustigsten Scheiterhaufen der jüngeren Filmgeschichte. Und um nichts anders als Filmgeschichte der 70er ist es ja überhaupt gegangen.

Am Ende hätte es doch nur der Traum davon gewesen sein können, wie man einen lästigen, fiesen Boyfriend so theatralisch wie elegant loswird. Für immer! Die Filmgeschichte hat ihr Schicksal doch noch erfüllt.

»Midsommar«, Regie und Buch: Ari Aster, USA/Schweden/Ungarn 2019, 147 Min., bereits angelaufen

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