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Aus: Ausgabe vom 01.10.2019, Seite 6 / Ausland
Jemen Saudi-Arabien

Rückschlag für Riad

Jemens Ansarollah besiegt feindliche Truppen auf dem Gebiet Saudi-Arabiens. Waffenstillstand zunächst verworfen
Von Knut Mellenthin
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Kämpfer der Ansarollah auf einem saudischen Militärfahrzeug in der südsaudischen Provinz Nadschran

Saudi-Arabien hat im Jemenkrieg neben der Störung seiner Erdölförderung durch einen Raketenangriff am 14. September offenbar einen weiteren schweren Rückschlag erlitten. Das teilten die Streitkräfte der von Ansarollah geführten Regierung in der Hauptstadt Sanaa am Sonnabend mit. Angaben ihres Sprechers Dschahia Sari zufolge wurden Ende August bei dreitägigen Kämpfen in der an den Jemen grenzenden südsaudischen Provinz Nadschran drei hauptsächlich aus »Söldnern« bestehende Brigaden vollständig aufgerieben. 200 Gegner seien getötet und über 2.000 gefangengenommen worden. Unter ihnen befänden sich auch saudiarabische Offiziere und Soldaten. Große Mengen von militärischem Gerät seien entweder zerstört worden oder den Streitkräften der Sanaa-Regierung, die von Milizen der sogenannten Volkskomitees unterstützt wurden, in die Hände gefallen. Die Gefangenen würden »nach den Prinzipien des Islam, den Bräuchen und Traditionen des Jemen sowie der Humanität« behandelt und könnten eventuell ausgetauscht werden.

Von saudischer Seite wurde diese Darstellung bis zum Montag weder dementiert noch kommentiert. Indessen verbreitete der Fernsehsender der Sanaa-Regierung am Sonntag Filmaufnahmen, die den Sieg der Ansarollah und ihrer Verbündeten dokumentieren. Zu sehen ist zunächst die Zerstörung zahlreicher Fahrzeuge und Panzerwagen durch tragbare Raketenwerfer. Spätere Szenen zeigen große Gruppen von gegnerischen Kämpfern, die sich ergeben, ihre Sturmgewehre abgeben – im Video liegen mehrere hundert davon auf einem Haufen – und in die Gefangenschaft geführt werden. Verwundete Gegner werden verbunden und medizinisch verpflegt. Fast alle tragen keine Uniformen, sondern individuell zusammengestellte Kleidungsstücke. Schauplatz ist eine Gebirgslandschaft mit Passstraßen.

Nach Angaben der Streitkräfte der Sanaa-Regierung war die Offensive unter dem Namen »Sieg durch Allah den Allmächtigen« ihre bedeutendste und erfolgreichste Operation seit dem Beginn der von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten geführten Militärintervention im März 2015. Bei den Getöteten, Verletzten und Gefangenen handelt es sich offenbar mehrheitlich um Jemeniten, die für den immer noch international anerkannten, aber im Exil in Saudi-Arabien residierenden Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi gekämpft hatten. Aber auch Söldner aus anderen Ländern wie dem Sudan, Pakistan und dem Irak sollen nach Angaben aus Sanaa unter ihnen sein.

Hintergrund der Operation war, dass Hadis Truppen, verstärkt durch internationale Söldner und geleitet von saudischen Offizieren, seit Jahresanfang von Nadschran aus in die angrenzenden nordjemenitischen Provinzen Saada und Hadschah vorgedrungen waren und sich dort teilweise längere Zeit festgesetzt hatten. Schon in den letzten Monaten wurden dort immer wieder Kämpfe gemeldet. Mit der Operation im August wollte die Sanaa-Regierung die Gefahr an der Nordgrenze bannen. Nach Angaben von Militärsprecher Sari kontrollieren die von Ansarollah geführten Streitkräfte und ihre Verbündeten jetzt mehr als hundert Quadratkilometer der saudischen Provinz Nadschran.

Sprecher der Ansarollah hatten der saudischen Regierung am 20. September einen umfassenden Waffenstillstand angeboten: Alle Angriffe auf saudisches Territorium würden eingestellt, sofern sich auch die Saudis und ihre Verbündeten daran halten würden. Dieser diplomatische Vorstoß, der vom UN-Sicherheitsrat ausdrücklich begrüßt wurde, war anscheinend vom Iran zumindest ermutigt, wenn nicht sogar mehr oder weniger erbeten worden. Saudi-Arabien reagierte darauf jedoch zuerst gar nicht. Am vorigen Freitag meldeten dann westliche Medien, dass die Saudis bereit seien, ihre Kriegshandlungen in vier genau begrenzten Gebieten, einschließlich der Hauptstadt Sanaa, zu beenden. Bei diesen Berichten handelte es sich aber nur um unbestätigte Gerüchte. Ansarollah verwarf die Idee als unzureichend.

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