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Aus: Ausgabe vom 28.09.2019, Seite 8 / Inland
Rechte treffen sich auf »Hof Nahtz«

»Identitätsstiftende Rituale spielen eine große Rolle«

Neonazis treffen sich zum »Erntedankfest« auf Hof in Eschede, den die NPD in diesem Jahr kaufte. Ein Gespräch mit Kirsten Dieckmann
Interview: Henning von Stoltzenberg
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Anhänger der NPD bei einer Kundgebung am Strausberger Platz in Berlin (16.6.2012)

An diesem Sonnabend findet auf einem Hof in Eschede, der in diesem Jahr vom niedersächsischen NPD-Landesverband gekauft worden ist, zum wiederholten Mal ein als »Erntedankfest« deklariertes Neonazitreffen statt. Wer versammelt sich dort?

Auf dem »Hof Nahtz« treffen und trafen sich Leute aus der extremen Rechten. Seit Jahren sind die Einladenden die NPD, die JN (Junge Nationalisten, jW) sowie die »Düütschen Deerns«. 2017 luden zur sogenannten Sonnwendfeier neben der NPD auch die Parteien »Der Dritte Weg« und »Die Rechte« ein. Dass die Zusammenkünfte »Sonnwendfeier« oder »Erntedankfest« genannt werden, suggeriert eine gewisse Harmlosigkeit. Es handelt sich aber um ein Vernetzungstreffen von Faschisten. Eine große Rolle dabei spielen identitätsstiftende Rituale.

Wie lange ist besagter Hof bereits ein Anziehungspunkt für Neonazigruppierungen?

Mindestens seit den 1990er Jahren. 1992 fand dort eine Wehrsportübung der »Nationalen Liste« statt, eine Neonazigruppierung aus Hamburg, die 1995 verboten wurde. Ab den 2000er Jahren waren es dann die sogenannten Brauchtumsfeiern, die auf dem »Hof Nahtz« stattfanden, zu denen regelmäßig die damalige Kameradschaftsszene einlud. 2007 fand das »Pfingstlager« der »Heimattreuen Deutschen Jugend« statt. Außerdem wurden dort mindestens zwei Neonazikonzerte gespielt, im Jahr 2008 mit rund 250 und 2010 mit etwa 600 Besuchern. Bei den polizeilichen Vorkontrollen wurden Verstöße gegen das Waffengesetz festgestellt und Ermittlungsverfahren wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen eingeleitet.

Seit wann gibt es Proteste gegen rechts?

Begonnen hat es 2007 mit einer kleinen Kundgebung zur »Wintersonnwendfeier«. Im folgenden Jahr wurden im Sommer und im Winter Demonstrationen von der Antifa Lüneburg und Celle angemeldet. Das führte zu einem riesigen Polizeiaufgebot. Wir durften nicht einmal in die Nähe des Hofs. Ab 2009 meldete der DGB unsere Demonstrationen an, in der Folge konnten wir näher an dem Ort protestieren. In den vergangenen Jahren haben wir es aber nur bis zu einer zwei Kilometer entfernten Kreuzung schaffen können.

Gibt es von Seiten der Behörden oder der Kommunalpolitik Bestrebungen, gegen die Neonazifeste vorzugehen?

Seit Jahren versuchen die Behörden, das Treiben mit ordnungsrechtlichen Schritten zu erschweren. Es wirkt allerdings etwas hilflos, wenn beispielsweise versucht wird, Neonazis mit Hygienevorschriften beizukommen. Die politisch Verantwortlichen vor Ort betonen, »wachsam« zu sein oder »stillen Protest« zu äußern. Dieser Protest war dann aber so still, dass über den geplanten Verkauf des Hofs an die NPD nicht öffentlich gesprochen wurde. Der Landkreis hat angeblich erst im Mai dieses Jahres von diesem Vorhaben erfahren. Andererseits heißt es, dass der bisherige Eigentümer sich mit dem niedersächsischen Landesverband der NPD bereits im Februar 2019 auf eine Veräußerung geeinigt hatte. Also wird es wohl zumindest die Gemeinde Eschede schon früher gewusst haben. Es scheint so, als habe der Verkauf verheimlicht werden sollen. Allerdings hätte allen Beteiligten klar sein müssen, dass das nicht gelingt.

In der Vergangenheit wurde Ihrem Bündnis untersagt, direkt vor dem Hof zu demonstrieren. Wie sieht es in diesem Jahr aus?

Auch in diesem Jahr haben wir unsere Route wieder bis zum Hof angemeldet. Aber wie zu erwarten war, sind die Auflagen so, dass die Demonstration wieder auf eine Kundgebung an der etwa zwei Kilometer entfernten Kreuzung beschränkt werden soll. Dagegen gehen wir gerichtlich vor. Es handelt sich immerhin um eine Demonstration gegen eine Feier auf einem Grundstück der NPD – einer Partei, die sogar laut Bundesverfassungsgericht verfassungsfeindlich ist.

Kirsten Dieckmann ist aktiv im »Celler Forum gegen Gewalt und Rechtsextremismus«

Demonstration »Gemeinsam gegen die Nazitreffen in Eschede«: Beginn um 14 Uhr am Bahnhof in Eschede

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