Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 27.09.2019, Seite 11 / Feuilleton
Zeitgenössische Kunst

Faschiertes Lächeln

Der Rausch der einen, die Panik der anderen: Das Kunstfestival »Steirischer Herbst« in Graz und Umgebung
Von Hannes Klug
Keti Chukhrov / Guram Matskhonashvili, Global Congress of Post-P
Sexualtherapeutischer Ausweg? »Global Congress of Post-Prostitution«

Was tun, wenn man am Abgrund steht und weiß, dass der Sturz in die Tiefe bevorsteht? Am besten, man lässt es sich noch mal so richtig gutgehen, zum Beispiel in der verblichen prunkvollen, irgendwie morbiden österreichischen Stadt Graz – immerhin die selbsterklärte »Genusshauptstadt« der »Genussregion« Steiermark. Hier schmeckt das Gulasch gut, das Bier auch, und wenn auf der Speisekarte »faschierte Laibchen« stehen, hat das nichts mit Faschismus zu tun, sondern mit Gehacktem.

Für den gepflegten Hedonismus als Reaktion auf politische Untergangsszenarien hat der ungarische Philosoph Georg Lukács bei Heraufkunft des deutschen Faschismus 1933 die treffende Metapher vom »Grandhotel Abgrund« gefunden, das für jeden Geschmack »vorsorglich eingerichtet« sei: Der Rausch der einen ist die Panik der anderen. Mit dem darauf anspielenden Motto »Grandhotel Abyss« positioniert sich das Kunstfestival »Steirischer Herbst« in diesem Jahr (19.9. bis 13.10.) in der politischen Gegenwart. So wird das thematische Feld der präsentierten Kunst abgesteckt, die erklärtermaßen sämtliche Disziplinen umfassen soll, von der Installation bis zur Performance. Zur Eröffnung referierte die israelische Soziologin Eva Illouz eiskalt über die Glücksindustrie, einen der großen Profiteure schlechter Zeiten, die uns mit zahllosen Apps umschwirrt und den Menschen ihre Depression, ihre Armut und Angst um die Ohren haut. Selbst das Leiden an Folter, Tod und Trauma – etwa bei Angehörigen der US-Armee – wird noch zur Folge persönlicher Unzulänglichkeit umdeklariert.

Bei allen diskursiven Spitzen ist der Steirische Herbst in erster Linie ein Festival für zeitgenössische Kunst. Der britische Künstler und Turner-Preisträger Jeremy Deller untersucht in seiner filmischen Dokumentation »Putin’s Happy« den »Brexit«-Wahnsinn seiner Landsleute, indem er sich in das Getümmel am Parliament Square stürzt, wo sich Gegner wie Befürworter des EU-Austritts öffentlich produzieren und noch die harmloseste Frage mit absurdesten Verschwörungstheorien beantwortet wird. Die politische Zerrissenheit des Landes wird in Dellers Film auf verstörende Art deutlich. Das Bestechende am diesjährigen Motto des Festivals, dem seit 2018 die aus Moskau stammende Kuratorin Ekaterina Degot vorsteht, ist, wie punktgenau es auf gegenwärtige Verhältnisse anwendbar scheint, wie weit ausladend aber gleichzeitig der künstlerische Horizont ist, den es sowohl historisch wie auch geographisch, sowohl politisch wie auch ästhetisch aufzuspannen vermag.

Eine raumfüllende Installation des kolumbianischen Künstlers Oscar Murillo im Erdgeschoss des von barocker Pracht überbordenden Palais Attems zeigt im dekadenten Kitsch des Architekturdenkmals verstümmelte und aufgeschlitzte Puppen. Aus den auf dem Boden liegenden Leibern quellen seltsame schwarze Brocken, bei denen es sich genausogut um verkohlte Brotlaibe wie um Lavabrocken handeln könnte. Das Stadtschloss mit seinem goldverzierten Stuck und den ausladenden Deckenmalereien wird hier so rabiat konterkariert wie in den Fotografien von Artur Zmijewski aus Warschau: Auf großen Schwarzweißfotos werden die Schädel schwarzer Migranten mit Lineal und Winkel vermessen, wie es einst im Namen der Rassenlehre pseudowissenschaftlicher Usus war und heute weniger offensichtlich etwa in Form biometrischer Passbilder fortlebt. An anderer Stelle in der Stadt hat Zmijewski in seiner Installation »Plan B« in einem leerstehenden Grazer Ladenlokal eine Änderungsschneiderei eingerichtet, hinter der sich ein Unterschlupf auftut, wie im Zweiten Weltkrieg, als Verfolgte in solchen Refugien Zuflucht fanden. Durch eine kleine Klappe, die sich in der unteren Hälfte eines Spiegels in einer Umkleidekabine öffnet, können die Besucher aus dem hellen in den düsteren Teil dieses perfekt getarnten Verstecks kriechen.

Zum enthemmten Vergnügen, dem man sich vor der Apokalypse hingibt, gehört auch ausschweifender Sex, und so schwanken sehnsüchtige, gemarterte oder futuristisch verkleidete Körper zwischen Lust und Verzweiflung: In seinem Stück »Global Congress of Post-Prostitution« sucht das georgische Theaterduo Keti Tschuchrow und Guram Matschkonaschwili einen sexualtherapeutischen Ausweg aus der postsowjetischen Misere. Und weil in einem guten Grandhotel der Wellnessbereich nicht fehlen darf, lassen Daniel Mann und Eitan Efrat aus Tel Aviv im Forum Stadtpark in Filmen und Objekten den Heilstollen des Kurortes Bad Gastein aufleben: Statt des erhofften Golds fanden die Nazis dort hochkonzentriertes Radon, das tief im Inneren des Bergs bis heute Linderung von Rheuma und anderen Leiden verspricht. Aus einem künstlichen Felsen verdampft in Graz radioaktives Wasser, das die Räume der Ausstellung in gespenstischen Nebel taucht.

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