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Aus: Ausgabe vom 23.09.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Saudi Arabien

Erpressung für den Börsengang

Erdölkonzern Aramco will in den Aktienmarkt. Saudischer Königsclan setzt reiche Familien unter Druck sich finanziell zu beteiligen
Von Jörg Kronauer
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Bilder des Kronprinzen Mohammed bin Salman (l.) und des Königs Salman bin Abdulasis im Ritz-Carlton-Hotel in Riad (28.1.2019)

Die Deutsche Bank soll laut Berichten vom Wochenende eine Führungsrolle beim Börsengang des weltgrößten Erdölkonzerns Saudi Aramco spielen. Gleichzeitig wird bekannt, dass der saudische Königsclan offenbar massiven Druck auf reiche saudische Familien ausübt, sich mit beträchtlichen Summen an dem Börsengang zu beteiligen, der vor ernsten Problemen steht. Bei den Betroffenen handelt es sich zu einem guten Teil um Personen, die vor fast zwei Jahren festgesetzt wurden, weil sie nicht zur Fraktion von Kronprinz Mohammed bin Salman Al Saud gehören, dem eigentlichen Machthaber in Riad. Von offener Erpressung ist die Rede.

Der Börsengang von Saudi Aramco, den Mohammed bin Salman Anfang 2016 ankündigte, nimmt in den politischen Planungen des Kronprinzen eine zentrale Rolle ein: Er soll das notwendige Geld für ehrgeizige Megaprojekte einbringen, mit denen Riad unter Führung von MBS, wie der Kronprinz oft genannt wird, die saudische Wirtschaft aus ihrer einseitigen Abhängigkeit vom Öl führen und sie auf die Nach-Erdöl-Ära vorbereiten will. MBS ist der Auffassung, der Börsengang könne die gewaltige Summe von 100 Milliarden US-Dollar in die Staatskasse spülen, die nötig sei, um die geplanten Vorhaben anzuschieben.

Die Annahme ist allerdings von Anfang an umstritten gewesen. Um 100 Milliarden US-Dollar zu erzielen, müsste Saudi Aramco mit zwei Billionen US-Dollar bewertet werden und fünf Prozent veräußern können. Damit wäre das Unternehmen der teuerste Konzern der Welt. Zwar fördert Saudi Aramco mit rund elf Millionen Barrel pro Tag mehr als jede andere Erdölfirma und gilt als wohl profitabelster Konzern überhaupt. In Branchenkreisen sind allerdings immer wieder Zweifel laut geworden, ob die Rechnung aufgehen könne. Mit einer Billion, maximal 1,5 Billionen US-Dollar, sei Saudi Aramco deutlich realistischer bewertet, heißt es. Auch könne man vermutlich eher ein, höchstens zwei Prozent des Konzerns an die Börse bringen.

Der aktuelle Drohnen- oder Raketenangriff auf zwei wichtige Anlagen von Saudi Aramco könnte den Börsengang, der im Juni 2018 schon einmal gestoppt worden war, nun erneut zurückwerfen. Bereits zuvor hatte der Mord an dem saudischen Oppositionellen Dschamal Chaschukdschi die Stimmung unter potentiellen Investoren ein wenig getrübt: Die Tatsache, dass man in einem saudischen Konsulat umgebracht und mit der Knochensäge zerlegt werden kann, wenn man sich mit MBS in die Haare gerät, schien so manchem Manager doch eher wenig verlockend. Dass Riad den Konflikt mit Iran immer mehr anheizt und seinen Krieg im Jemen fortsetzt, zugleich aber nicht in der Lage ist, Angriffe auf zentrale Anlagen von Saudi Aramco abzuwehren, ist ebenfalls kein Investitionsanreiz. Zwar ist der Ölkonzern um Schadensbegrenzung bemüht und kündigt an, bereits Ende September wieder in vollem Umfang produzieren zu können; das Unternehmen sei auferstanden »wie Phoenix aus der Asche«, erklärte Energieminister Abdulasis bin Salman Al Saud Ende vergangener Woche.

Weil aber dennoch Zweifel bleiben, hilft Riad anderweitig nach. Die Financial Times hat am Freitag bestätigt, was Berichte zuvor angedeutet hatten: Der Königsclan setzt vor allem reiche saudische Familien, die Ende 2017 unter dem Vorwand der Korruptionsbekämpfung im Nobelhotel Ritz-Carlton in Riad festgesetzt worden waren, unter Druck, den Börsengang von Saudi Aramco mit hohen Summen zu unterstützen. Für Schlagzeilen sorgte damals etwa der Hausarrest für Prinz Walid bin Talal Al Saud, den wohl reichsten Mann des Landes, der sich laut Berichten für sechs Milliarden US-Dollar freikaufen musste. Walid bin Talal zählt zu denjenigen, die nun erneut blechen sollen. Es würden Summen von bis zu 100 Millionen US-Dollar für Saudi Aramco verlangt, um den von MBS gewünschten Investitionsbetrag zu erreichen und gleichzeitig nach außen hin Stimmung für den Börsengang des Ölkonzerns zu machen, schreibt die Financial Times.

Bei dem Börsengang soll, wie mehrere Agenturen am Wochenende meldeten, die Deutsche Bank eine maßgebliche Rolle einnehmen: Sie zählt demnach zu den Konsortialführern bei dem Vorhaben – neben der Schweizer UBS. Laut Bloomberg sind auch die britische Barclays und die französische BNP Paribas sowie US-Großbanken beteiligt.

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