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Aus: Ausgabe vom 23.09.2019, Seite 2 / Inland
Kampf um Ernährungssouveränität

»Wir setzen auf Demokratisierung des Systems«

Kampagne »Free the Soil« ruft zur Massenaktion in Schleswig-Holstein gegen Düngemittelkonzern Yara auf. Ein Gespräch mit Luca*
Interview: Jan Greve
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Klimaaktivisten wie die Gruppe »Free the Soil« kritisieren Produzenten von synthetischen Düngemitteln für deren hohen Energie- und Rohstoffbedarf

Im Zuge des globalen »Klimastreiks« organisieren Sie von der Kampagne »Free the Soil« derzeit ein Camp zum Thema Klimagerechtigkeit bei Brunsbüttel in Schleswig-Holstein. Welchen Ansatz verfolgen Sie?

Uns geht es darum, die zerstörerischen Folgen der industriellen Landwirtschaft aufzuzeigen. Das beinhaltet Fragen von Transportwegen, Kühlketten und vielem mehr. Während unseres fünftägigen Camps machen wir Workshops, in denen es etwa darum geht, wie man Saatgut zieht.

In den letzten Jahren wurde von der Klimagerechtigkeitsbewegung immer wieder aufzeigt, wie schädlich bestimmte Formen der Energiegewinnung sind. Uns hat dabei allerdings der Bezug auf unsere Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion gefehlt. Daher haben wir uns im vergangenen Jahr als Gruppe zusammengefunden, ausgehend von Aktivisten aus Dänemark.

Für diesen Montag haben Sie zu einer »Massenaktion zivilen Ungehorsams« aufgerufen. Was planen Sie?

Wir wollen als Symbol unseres Protestes den halbstaatlichen norwegischen Düngemittelkonzern Ya ra blockieren und den Betriebsablauf am Produktionsstandort nahe unseres Camps stören. Wir sehen synthetische Düngemittel als das zentrale Instrument, mit dem das bestehende System am Laufen gehalten wird. Seitdem diese auf dem Markt sind, wird vielerorts über die natürlichen Kapazitäten des Bodens hinaus gewirtschaftet. Möglich wurde das durch das sogenannte Haber-Bosch-Verfahren (chemisches Verfahren zur synthetischen Herstellung von Ammoniak, jW), das enorm energieaufwendig ist.

Am Freitag gingen mehr als eine Million Menschen hierzulande auf die Straße. Wie bewerten Sie die Aktionen?

Wir sind sehr froh über diesen Erfolg, der von so vielen auf die Beine gestellt worden ist. Unser Ziel ist es weiterhin, die Kräfte in der linken Szene zu bündeln. Das ist zuletzt bereits unter dem Begriff der Klimagerechtigkeit geschehen.

Die Bundesregierung präsentierte ebenfalls am Freitag ein »Klimapaket«, das etwa die Bepreisung von Kohlendioxid beinhaltet. Setzen Sie Hoffnungen in Maßnahmen dieser Art?

Da wir mit wenig gerechnet haben, konnten wir auch kaum enttäuscht werden. Die meisten der Forderungen bleiben innerhalb einer neoliberalen Logik und setzen vor allem auf Wirtschaftswachstum. Das hat nichts mit unseren Vorstellungen zu tun. Wir setzen auf die Demokratisierung des Systems und auf mehr Ernährungssouveränität. Gerade mit Blick auf die EU-Politik muss man betonen: Solange wir nicht von den flächengebundenen Subventionen wegkommen, kann es keine Agrar­wende geben.

Der eine oder die andere argumentiert, die industrielle Landwirtschaft werde gebraucht, um eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Was sagen Sie dazu?

Dieses Argument ist unglaublich perfide – vor allem, wenn es von Großkonzernen wie Yara vorgebracht wird, die sich als Heilsbringer für unterernährte Menschen inszenieren. Wir haben uns mit dem Thema beschäftigt und festgestellt, dass der Flächenertrag durch alternative Landwirtschaft viel höher sein kann. Farmen, auf denen agrarökologisch gearbeitet und bei denen kein synthetischer Dünger benutzt wird, bewirtschaften in sich stabilere Systeme, die weniger auf Input von außen angewiesen sind. Die Welternährungsorganisation FAO hat nachgewiesen, dass kleinbäuerliche Landwirtschaft weltweit nach wie vor 70 Prozent der Menschen ernährt. Das passt nur nicht in die Sichtweise der Großkonzerne.

Auch der Deutsche Bauernverband stellt sich gegen eine wirkliche Agrarwende und geriert sich als Besitzstandswahrer. Sind Sie mit solchen Akteuren im Dialog?

Wir sind keine elitäre Bewegung, die den Kontakt zu Bäuerinnen und Bauern scheut. Im Gegenteil: Bei uns sind auch viele Menschen aktiv, die selbst landwirtschaftliche Betriebe haben. Die sehen sich aber meist vom angesprochenen Verband und dessen einseitiger Lobbyarbeit nicht repräsentiert. Wir arbeiten eher mit der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, kurz ABL, zusammen. Das Problem besteht darin, dass Bäuerinnen und Bauern in dem herrschenden System einem immensen Profit- und Konkurrenzdruck unterworfen sind. Wir stellen uns nicht gegen Lohnabhängige, sondern gegen kapitalistische Agrarkonzerne.

Luca (* Name geändert) ist aktiv in der Kampagne »Free the Soil« (Befreit den Boden)

Mehr unter: freethesoil.org

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