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Aus: Ausgabe vom 23.09.2019, Seite 1 / Titel
UN-Gipfel in New York

Prima Klima für Konzerne

Millionen Menschen demonstrieren weltweit für Umweltschutz. Doch in der UNO sind sie trotz »Jugendgipfel« nur Staffage
Von André Scheer
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Klimastreik am Freitag in San Francisco

Am Wochenende nach dem großen »globalen Klimastreik«, an dem sich nach Angaben der Organisatoren weltweit rund vier Millionen Menschen beteiligt haben, lief die Umarmung der Protestierenden auf Hochtouren. UN-Generalsekretär António Guterres empfing am Sonnabend in New York rund 500 Jugendliche zu einem »Jugendgipfel« und lobte wortreich ihr Engagement. Sie hätten einen »Moment des Wandels« herbeigeführt. Greta Thunberg, die vor gut einem Jahr mit ihrer Protestaktion vor dem schwedischen Parlament in Stockholm die »Fridays for Future«-Bewegung initiiert hatte, bilanzierte die Aktionen des 20. September: »Wir haben gezeigt, dass wir vereint sind und dass wir Jugendlichen unaufhaltsam sind!«

Konkreter wurde Komal Kumar von den Fidschi-Inseln. Ihre Heimat sei von den dramatischen Folgen der Erderwärmung in besonderer Weise betroffen, obwohl sie sehr wenig zu ihr beigetragen habe. »Wir sind keine Versicherungspolicen, wir sind Menschen! Hört auf, die Arbeit für eine nachhaltige Zukunft zu behindern, um schnelle Profite zu machen!« Wanjuhi Njoroge aus Kenia kündigte an, dass die Jugendbewegung eine Revolution auslösen werde. »Es muss uns erlaubt werden, Einfluss auf Klimaentscheidungen zu nehmen«, verlangte sie. Bruno Rodríguez aus Argentinien verlangte, gegen das »kriminelle Verhalten der Großkonzerne« vorzugehen: »Genug ist genug! Wir wollen keine fossilen Brennstoffe mehr!«

Ab dem heutigen Montag sind solche Töne in New York nicht mehr vorgesehen. Zum »offiziellen« Teil des »Climate Action Summit«, des Klima-Aktionsgipfels, sind nicht nur Staats- und Regierungschefs wie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Frankreichs Präsident Emmanuel Macron angekündigt, sondern vor allem Vertreter global aktiver Großkonzerne. Die Chefs des dänischen Energieriesen Orsted, des spanischen Stromproduzenten Iberdrola, des französischen Lebensmittelmultis Danone oder von »Willis Towers Watson«, einem global agierenden Versicherungsmaklerunternehmen aus Irland, geben sich das Mikrofon in die Hand. Wenig zu erwarten ist auch von Mark Carney, dem Chef der Bank of England, Werner Hoyer von der Europäischen Investitionsbank, dem ehemaligen Microsoft-Chef William »Bill« Gates oder dem Präsidenten der Weltbank, David R. Malpass. Da können die Regierungschefs aus Fidschi, Jamaika, Barbados oder Palau noch so eindringlich auf die Folgen der Klimakatastrophe für ihre Inselstaaten hinweisen.

Vor einer »Klima-Apartheid« warnt bereits der UN-Sonderberichterstatter über extreme Armut und Menschenrechte, Philip Alston. Die Welt riskiere ein Szenario, »in dem die Reichen zahlen, um vor Hitze, Hunger und Konflikten zu flüchten, und der Rest der Welt zurückgelassen wird und leidet«, schrieb er in einem am vergangenen Dienstag in Genf veröffentlichten Bericht. »Es ist pervers: Obwohl die Menschen in Armut nur für einen winzigen Teil der globalen Emissionen verantwortlich sind, tragen sie die Hauptlast des Klimawandels, und sie haben die wenigsten Möglichkeiten, sich zu schützen.« Selbst wenn die Klimaziele für eine Begrenzung des Temperaturanstiegs um 1,5 bis 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter erreicht würden, könnten bis 2030 mehr als 120 Millionen Menschen in die Armut abrutschen.

Wie aus einem am Sonntag in Genf vorgelegten Bericht der Weltwetterorganisation (WMO) hervorgeht, war die Zeit von 2015 bis 2019 die heißeste Fünfjahresperiode seit Beginn der Messungen vor rund 150 Jahren. Die durchschnittliche Temperatur weltweit habe in diesem Zeitraum um 1,1 Grad über jener der vorindustriellen Zeit gelegen.

Debatte

  • Beitrag von Hans S. aus B. (24. September 2019 um 16:26 Uhr)
    MMitnehmen – das Zauberwort aller hiesigen politischen Akteure in Regierungsverantwortung. Es ist eine Art Soundtrack in Interviews, Talkshows oder Regierungserklärungen. Wir dürfen unsere Bürgerinnen und Bürger nicht überfordern. Wir stehen in der Verantwortung für den Erhalt der sozialen Balance bzw. des sozialen Friedens. Das Wort »mitnehmen« steht an zentraler Stelle all jener, die das jüngst beschlossene Klimapaket rechtfertigen. Das von der Groko beschlossene Klimapaket wird mit dem Argument gerechtfertigt, dass die Politik »bei einem derart tiefgreifenden Wandel alle Bürger mitnehmen« müsse (Bundeskanzlerin Merkel in New York). Diese Rechtfertigung ist so morsch wie das ganze System.

    Eine ganz andere Rhetorik hören wir, wenn es um höhere Rüstungsausgaben und eine stärkere Beteiligung an Auslandseinsätze geht. Diese beiden Herausforderungen werden nur von den Waffenschmieden angenommen und jenen, die, so wie vom ehemaligen Bundespräsidenten Gauck gefordert, den Tod nicht scheuen. Die Bürger haben nämlich in diesen Fragen eine ganz andere Einstellung. Deshalb kommt das Personalpronomen »ich« zum Einsatz. Gestern ließ sich die neue Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer in New York mit den Worten umfeiern: »Ich hab' noch einmal sehr deutlich gemacht, dass es mein politisches Ziel ist«, die Erhöhung der Rüstungsausgaben mit Blick auf das Zweiprozentziel auszurichten, um die Fähigkeit und die Bereitschaft zu erwerben, »in Missionen mitzugehen«. Als Alternative zum Personalpronomen wird auch gern das Wort »Deutschland« eingesetzt, ganz aktuell, wenn es um die Beteiligung an einer Mission in der Straße von Hormus geht: »Ich habe sehr deutlich gemacht, dass Deutschland bereit ist, sich zu engagieren.« Hat die Dame gefragt, wie die Stimmung in der Bevölkerung zur zunehmend aggressiven Außenpolitik der Bundesregierung ist? Will sie die Bürger mitnehmen? Die einzigen, die sie und ihre momentan ihr noch vorgesetzte Kanzlerin mitnehmen können, sind die profitorientierten Konzerne. Die tun das sogar freiwillig.

    Die ganze regierungsoffizielle Argumentation ist so verlogen und morsch wie das komplette politische System.

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