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Aus: Ausgabe vom 20.09.2019, Seite 15 / Feminismus
Wienerin und Exilantin

Ärztin, Jüdin, Sozialistin

Buchvorstellung: Rosl Ebner – ein Leben in Selbstzeugnissen
Von Christiana Puschak

Von ihrer Freundin aufgefordert, über die Zeit, die sie erlebt habe, etwas aufzuschreiben, begann die jüdische Ärztin und Sozialistin Rosl Ebner bereits 1981 – im Alter von 66 Jahren –, ihre bewegte Lebensgeschichte zu verfassen und für nachfolgende Generationen zu dokumentieren. 25 Jahre nach ihrem Tod 1994 ist nun aus ihren Aufzeichnungen ein beeindruckendes Buch entstanden, das die Verflechtung von Historie und Einzelschicksal, von Zufall und Wille mitreißend aufzeigt. In diesem Werk blickt Rosl Ebner abwechselnd auf Gegenwart und Vergangenheit, immer das titeltragende Ziel im Blick: »Ich will, dass du die Stimmung der Jahrzehnte spürst.« Versehen ist das Buch mit einem kenntnisreichen Nachwort der Kulturwissenschaftlerin Katharina Prager.

Zum Teil in Briefform berichtet Rosl Ebner über ihre Kindheit und Jugend im Wien der Zwischenkriegszeit, über die erzwungene Flucht als Medizinstudentin 1938 nach Großbritannien, über ihre vielfältigen Begegnungen, über ihre Beziehung zu dem Arzt und ehemaligen KZ-Häftling Hugo Ebner, über ihr politisches Engagement und ihre Rückkehr. Offen und voller Neugier setzte sich Rosl Ebner zudem mit der jüngeren Generation auseinander. Mit kritischem Blick verfolgte sie die 1968er Studentenbewegung, die Frauenbewegung der 1980er Jahre und die Bewegung gegen Atomkraft. Eingebettet ist ihre gesamte Erzählung in eine Auseinandersetzung mit dem Marxismus als Utopie und als Kampf für die Ideale »Gerechtigkeit, Gleichheit, keine Ausbeutung«.

Geboren wurde Rosl Ebner 1915 als Rosa Marie Kraus in Baden bei Wien als Tochter eines Bankangestellten und späteren Personaldirektors. Ihre Mutter, aus einer jüdischen Ärztefamilie stammend, starb bei Rosls Geburt. Gemeinsam mit einer Schwester und zwei Brüdern wuchs Rosl auf. Die Brüder seien ihre »wirklichen Erzieher« gewesen, so Rosl Ebner, weil sie mit ihnen ihre Freizeit verbringen, ihre Kräfte messen und die Literatur kennenlernen konnte. Als Sozialisten beeinflussten sie Rosls politisches Denken wie auch ihr Cousin, ein Funktionär der Kommunistischen Partei Östereichs (KPÖ), der sie zur Theorie des Marxismus führte.

Auf dem Gymnasium war Rosl wegen ihres Jüdischseins offener Diskriminierung ausgesetzt. Mit Unterstützung ihrer Familie wechselte sie die Schule und kam in eine gemischte Klasse, in der sie erstmals Mädchen ihres Alters traf, die sich für Politik und die Emanzipation der Frau interessierten – »eine für mich völlig neue Welt«. Sie las Bertolt Brecht, verschlang die Bücher von Upton Sinclair über das Elend der Industriearbeiter in Chicago und ebenso Vicki Baums Roman »Stud. chem. Helene Willfüer«, der die Diskriminierung einer unverheirateten Mutter zum Thema hat. Nach der Matura studierte sie Medizin, musste aber das Studium nach dem sogenannten »Anschluss« 1938 abbrechen: »Ich hatte mich nie als Jüdin gefühlt, immer eigentlich als Österreicherin und schon damals (…) mich immer als sympathisierend mit der (…) Arbeiterschaft gefühlt. Von einem Tag auf den andern war ich die Jüdin!« Mithilfe von französischen Papieren, die sie durch eine Scheinehe erworben hatte, gelang ihr die Ausreise nach Paris zu ihren Brüdern. Als sie erfuhr, dass ihr Freund und späterer Ehemann Hugo Ebner aus dem Konzentrationslager entlassen worden war, forcierte sie ihre Flucht nach Großbritannien, wo bereits ihr Cousin war. In Glasgow erhielt sie eine Arbeitsmöglichkeit und engagierte sich in den kommunistisch geprägten Exilorganisationen Free Austrian Movement und Austrian Self-Aid.

Nach der Rückkehr und der Auflösung von Rosls Scheinehe heirateten Hugo und Rosl Ebner 1948. Ihr durch die Vertreibung abgebrochenes Medizinstudium setzte Rosl fort, promovierte 1952 und praktizierte als Allgemeinmedizinerin bis Mitte der 1980er Jahre. Ihr Ehemann engagierte sich als Rechtsanwalt für die Verfolgten des Naziregimes im Bereich »Wiedergutmachung«. Später war Rosl in vielen Bereichen der Jugend- und Behindertensozialarbeit aktiv, führte Seminare zur Sexualaufklärung durch und unterstützte Projekte in Kuba, Kolumbien, Nicaragua, Ecuador, Peru und Mexiko. Nach schwerer Krankheit starb Rosl Ebner am 2. Februar 1994 in Wien.

Mit ihren anschaulich und lebendig geschriebenen Schilderungen hinterließ sie nicht nur ein wichtiges Zeitzeugnis, sondern auch eine autobiografische Erzählung einer sozial und politisch engagierten Frau, die zahlreiche Initiativen auf die Beine stellte. Offen und ausführlich berichtet sie über ihre Scheinehe als Überlebensstrategie. Sie widmet sich der keineswegs erledigten »Frauenfrage«. Beim aufmerksamen Blick auf die Frauenbewegung hebt Rosl Ebner immer wieder hervor, wie wichtig es für Frauen sei, sich nicht nur zu Hause aufzulehnen, sondern sich politisch zu engagieren. Entscheidend sei doch, so ihr Credo, die Gleichstellung der Frau als gesamtgesellschaftliche und soziale Frage zu verstehen. Gleichzeitig vermitteln Rosls Lebenserinnerungen Einblick in die Faszination für den Sozialismus, aber auch Zweifel an der politischen Praxis.

Das Buch ist ein Band der Reihe »Biografia« des Wiener Praesens-Verlags, die »Frauen sichtbar machen« soll – seien es Widerstandskämpferinnen, Pädagoginnen, Ärztinnen, Journalistinnen oder Schriftstellerinnen. Biografia ist zugleich auch ein Forschungs- und Dokumentationsprojekt, das die umfassende historisch-biografische Aufarbeitung österreichischer Frauenpersönlichkeiten zum Ziel hat.

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