Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 19.09.2019, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Schönheit und Verzweiflung

Surreale Parallelwelt: Jerkcurbs Album »Air Con Eden«
Von Alexander Kasbohm
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Könnten die Hauptrolle in einem Song von Jerkcurb spielen: Barbican Towers, London

Eine Hängematte schwingt sanft unter den Bäumen, die Sonne glitzert durch das Blätterdach. Die Kamera zoomt raus: Frösche springen in den Teich, Vögel zwitschern, Hummeln bummeln verträumt von Blüte zu Blüte. Langsam kommt der ganze Garten ins Blickfeld, dann die Umgebung: Das Haus liegt in Trümmern, die Straße auch.

Farben wie in Technicolor. Die Atmosphäre von »Air Con Eden« erinnert an David Lynch zwischen »Blue Velvet« und »Twin Peaks«: an der Oberfläche ein Idyll, eine bisweilen hawaiianisch anmutende Gitarre, verhuschte Frauenstimmen im Hintergrund. Sound zur Tiefenentspannung oder doch eher die Vision eines Komapatienten? Das Unheimliche schwingt immer mit, dieser Blick in einen undefinierten Abgrund. Bisweilen fühlt man sich an einen surrealistischen Richard Hawley erinnert.

Jerkcurb, eigentlich Jacob Read, ist seit Jahren in der Musikszene Südostlondons aktiv, der Titel »Air Con Eden« fiel ihm ein, als er sein Leben als bildender Künstler mit einem Einzelhandelsjob finanzieren musste. Er ist inspiriert von den Einkaufszentren des Shopping-Mall-Pioniers Victor Gruen, der in den 50er Jahren in den USA begann, die Funktionen einer Innenstadt in einzelnen überdachten Gebäuden zusammenzufassen. Diese »manchmal ekstatischen Vorhöllen«, wie Read sie bezeichnet, waren begrünte, vom Außenklima abgetrennte Oasen. Auch das ein treffendes Bild für Jerkcurbs Musik: ein hermetisch abgeriegeltes Gebäude, das die Welt außen vor lässt, die Simulation einer lebenswerten Existenz schafft. Wie in einem Roman des britischen Autors J. G. Ballard, der immer wieder das Thema des Zusammenbruchs der westlichen Zivilisation und der Reaktion der Menschen darauf variierte.

Ballard und insbesondere Lynch sind in der Tat prägende Einflüsse für Read. Seine Eltern, beide auch bildende Künstler, waren große Lynch-Fans, der »Twin Peaks«-Soundtrack wurde ihm zum Einschlafen vorgespielt. Ihn hat immer die Spannung zwischen dem Alltäglichen und dem Übersinnlichen in der Arbeit Lynchs fasziniert, das zeitlich nicht Festlegbare, Unerklärte. Dieser offene Schwebezustand findet sich auch in seiner Musik. Aber Read ist sich bewusst, dass die Mittel des Regisseurs mittlerweile oft kopiert werden, ohne dessen inhaltliche Schlagkraft zu erreichen: »Es ist inzwischen so, dass ›lynchian‹ fast ein eigenes Genre geworden ist, was seiner Ethik im Grunde widerspricht. Seltsamkeit um der Seltsamkeit willen bedeutet mir nichts.«

Der Song »Aquarena Springs« ist inspiriert von einem verlassenen Vergnügungspark aus den frühen 50ern in Texas. »Ich finde diese Ära des Nachkriegsamerika faszinierend«, sagt Read, »sie repräsentiert die embryonische Phase des heutigen Kapitalismus«. Und in den Ruinen dieser Epoche sehen wir, wie durch ein Zeitportal, die damalige Vision einer Hypermodernität, die oft in einem harten Kontrast zu unserer Gegenwart steht. »Der Kapitalismus verkauft immer die Gegenwart, es gibt keine Vergangenheit. Das macht diese verlassenen Orte so deprimierend, sie sind die Antithese zu ihrem eigentlichen Zweck.« Wir sehen die Ruinen der naiven Idee eines »freundlichen Kapitalismus«, der allen mehr Geld und mehr Freizeit versprach. »Dieser frühe Kapitalismus hat etwas Idyllisches an sich. Durch die rosarote Brille der Zeit wirkt er beinahe unschuldig.« Reads Songs sind wie Postkarten aus dieser Zeit. »Air Con Eden« ist ein Versuch, Widersprüche aushaltbar zu machen, und schafft so eine surreale Parallelwelt voller Schönheit und Verzweiflung.

Jerkcurb: »Air Con Eden« (Handsome Dad Records)

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