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Aus: Ausgabe vom 19.09.2019, Seite 10 / Feuilleton
Türkei

Stärkung der Moral

Ein Sammelband mit Analysen von Max Zirngast zur Türkei bleibt auch nach seinem Freispruch aktuell
Von Nick Brauns
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»Alle diese Widerstände und Kämpfe sind ebenso viele Quellen der Hoffnung« (Max Zirngast und Hasan Durkal)

Es waren die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA, die das Interesse des damals zwölfjährigen Österreichers Max Zirngast für Politik und Geschichte weckten. Jahre später bei seinem Philosophiestudium in Wien rückte durch persönliche Bekanntschaften die Türkei in den Mittelpunkt von Zirngasts Interesse. So beschloss er 2015, ein Masterstudium an der Technischen Universität des Mittleren Ostens in Ankara aufzunehmen. Daneben verfasste er Artikel für eine türkische marxistische Zeitschrift, die junge Welt und das US-amerikanische Jacobin Maga­zine.

Erneut war es ein 11. September, der zu einem Wendepunkt in Zirngasts Leben werden sollte. Unter dem Vorwurf, der Ankara-Verantwortliche einer »illegalen bewaffneten Terrororganisation« namens Kommunistische Partei der Türkei/Funke (TKP/K) zu sein, wurde er an diesem Tag im Jahr 2018 festgenommen. Zwar ist die Existenz der auf den 1971 verstorbenen marxistischen Theoretiker Hikmet Kivilcimli zurückgehenden TKP/K seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr belegt. Doch frei im Buchhandel erhältliche Werke Kivilcimlis, die im Schrank des Philosophiestudenten gefunden wurden, sollten die absurde Anklage beweisen. Seminare über antike griechische Philosophie und unentgeltliche Nachhilfestunden für Grundschüler aus armen Familien wurden Zirngast nun als Rekrutierungsveranstaltungen für die ominöse Partei ausgelegt. Aus seiner Gesinnung macht Zirngast vor dem Haftrichter kein Geheimnis: »Ich bin Sozialist, ich verteidige universelle Werte.«

Zu Weihnachten 2018 wurden Zirngast und die mit ihm verhafteten türkischen Aktivisten freigelassen, der Österreicher durfte die Türkei jedoch nicht verlassen. Er sei aber keine Geisel Erdogans wie etwa der deutsch-türkische Reporter der Tageszeitung Welt, Deniz Yücel, gewesen, meint Zirngast. Seine Verhaftung sieht er eher als Kollateralschaden bei der Niederschlagung jeglicher linken Opposition in der Türkei. Pünktlich zum ersten Jahrestag ihrer Festnahme am 11. September 2019 sprach ein Gericht in Ankara Zirngast und seine Mitangeklagten frei. Dieses überraschende Ende eines kafkaesken Verfahrens ist einerseits den gewandelten Kräfteverhältnissen in der Türkei durch das Zusammenrücken der Opposition bei gleichzeitiger Schwächung der Regierungspartei AKP zu verdanken. Doch auch die unmittelbar nach Zirngasts Festnahme von Freunden und Genossen in Österreich und Deutschland begonnene Kampagne »#FreeMaxZirngast« dürfte Wirkung gezeigt haben.

Im Rahmen dieser Kampagne erschien kürzlich in der Edition Assemblage das Buch »Die Türkei am Scheideweg«, das auch nach Zirngasts Freispruch allen an der türkischen Politik Interessierten ans Herz gelegt sei. Denn neben Informationen zu den Hintergründen seiner Festnahme und seinen Briefen aus dem Gefängnis enthält es auch die gesammelten Texte Zirngasts über eine Phase, die die Türkei einschneidend verändert hat. Als Eckpunkte seien hier genannt: der Wahlerfolg der linken, vor allem unter Kurden verankerten HDP im Juni 2015, vom Geheimdienst orchestrierte Anschläge des »Islamischen Staates« auf Linke mit mehr als 130 Toten, der erneute Krieg gegen die kurdische Befreiungsbewegung mit der Zerstörung ganzer Städte, der Putschversuch vom Juli 2016, der nachfolgende Ausnahmezustand mit Massenverhaftungen, die Errichtung einer Präsidialdiktatur, der fortschreitende Niedergang der türkischen Wirtschaft und die immer tiefere Verwicklung der Türkei im »syrischen Sumpf«.

Zirngasts tiefgehende Analysen der Triebkräfte und Entwicklungspotentiale der türkischen Politik, die teilweise erstmals in junge Welt erschienen waren, sind häufig Gemeinschaftswerke mit seinen bereits aus Wiener Zeiten bekannten Genossen Güney Isikara und Alp Kayserilioglu. Anstatt vereinfachend und personalisierend vom »despotischen Erdogan-Regime« zu schreiben und dabei orientalistische Stereotypen zu bedienen, fragen er und seine Mitautoren nach den Klasseninteressen hinter der Politik des Staatspräsidenten. Sie behalten die Ökonomie im Auge und suchen nach Brüchen im herrschenden Block sowie den sich daraus ergebenden Chancen für Widerstandsdynamiken, die sie insbesondere in den Kämpfen der Arbeiter, von Frauen und LGBTQ, Kurden und Aleviten erkennen. »Alle diese Widerstände und Kämpfe sind ebenso viele Quellen der Hoffnung und der Stärkung der Moral«, schreiben Zirngast und Hasan Durkal in ihrem im Mai verfassten Manifest »Unterwegs zur demokratischen Republik. Ein politisch-gesellschaftliches Programm für die Türkei«. Ganz selbstverständlich schreibt Zirngast in diesem Text, der den Einfluss der Ideologie Kivilcimlis erkennen lässt, von der Türkei als »unserem Land«. So wird »Aslan Max’imiz« (Unser Löwe Max), wie der großgewachsene, blonde Österreicher von seinen türkisch-kurdischen Freunden in Anlehnung an eine beliebte Schokoeis-Trickfigur genannt wird, trotz wiedererlangter Reisefreiheit wohl weiterhin den Klassenkämpfen zwischen Bosporus und Ararat verhaftet bleiben.

Solidaritätskampagne #FreeMaxZirngast (Hg.): Die Türkei am Scheideweg und weitere Schriften von Max Zirngast. Edition Assemblage, Münster 2019, 432 Seiten, 12,50 Euro

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