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Aus: Ausgabe vom 18.09.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Pharmakonzerne

Tödliche Nebenwirkungen

Opioidkrise in den USA: Verantwortlicher Pharmakonzern stiehlt sich aus der Verantwortung
Von Ina Sembdner
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Falsch beworben und verharmlost: Das opioidhaltige Medikament Oxycontin von Purdue Pharma (Montpellier, 19.2.2013)

Mehr als 400.000 Tote in weniger als zwei Jahrzehnten. Nach jüngsten Angaben des US-Gesundheitsministeriums vom Juni 2019 sterben täglich mehr als 130 Menschen an einer Überdosis von Opioiden. Bereits im Oktober 2017 hatte das Gesundheitsministerium die sogenannte Opioidkrise zum landesweiten Notstand im Gesundheitswesen erklärt. Ursächlich für die zahlreichen Todesfälle sind neben Heroin vor allem opioidhaltige Schmerzmittel bzw. die Verschleierung von deren enormem Suchtpotential. Statt dessen wurden sie von den Pharmakonzernen intensiv beworben, was zur massenhaften Verwendung führte. Schon eine einzige zu hohe Dosis eines Opioids kann schwere Atembeschwerden bis hin zum Atemstillstand auslösen.

Ganz vorne dabei: »Purdue Pharma L. P.«, im Besitz der milliardenschweren US-Familie Sackler, das 1996 das verschreibungspflichtige Schmerzmittel Oxycontin auf den Markt brachte und bis heute hauptsächlich vertreibt (siehe auch jW-Meldung vom 16.9.). Verschiedene Untersuchungen bestätigten inzwischen, dass Oxycontin keinen Vorteil gegenüber anderen opioidhaltigen Medikamenten hat, die aggressive Werbestrategie von Purdue sorgte indes für reißenden Absatz. Wie in einer Studienveröffentlichung von 2009 im American Journal of Public Health dargelegt wurde, hatte das Unternehmen allein im Jahr 2001 rund 200 Millionen US-Dollar für die Vermarktung ausgegeben. So wurde mit ausgefeilten Marketinginstrumenten die Verschreibung beeinflusst. Landesweit wurden Verordnungsprofile für einzelne Ärzte mit detaillierten Angaben zu den jeweiligen Mustern bei der Rezeptierung erstellt, um die Verschreibungsgewohnheiten in der Folge beeinflussen zu können.

2007 wurden Angestellte des Unternehmens erstmals wegen der Verbreitung von Falschinformationen angeklagt und zu Schadenersatz verurteilt. Die Mitarbeiter hatten unter anderem behauptet, dass Oxycontin weniger süchtig mache und weniger zu Missbrauch führe als Konkurrenzprodukte. Purdue stellte dies als Einzelverfehlungen dar, wie die Nachrichtenagentur Reuters damals berichtete. Zwölf Jahre später geht es nun ans Eingemachte: Rund 2.300 Klagen gegen den Konzern sollen ab Oktober vor einem Bundesgericht in Cleveland/Ohio verhandelt werden. Im März dieses Jahres hatte der Konzern bereits einer Zahlung von 270 Millionen US-Dollar zugestimmt, um eine Klage des Bundesstaates Oklahoma beizulegen.

Vergangenen Mittwoch hatten sich nun rund 20 Bundesstaaten und Tausende Gemeinden mit Purdue Pharma und der Familie Sackler auf einen Vergleich geeinigt. Nach Angaben der Klägeranwälte wäre der Konzern bereit, zehn bis zwölf Milliarden US-Dollar Entschädigung zu zahlen, wovon zwei bis drei Milliarden von der Eigentümerfamilie übernommen werden sollen. Zudem soll die Familie die Kontrolle über Purdue Pharma aufgeben, wie AFP meldete. Connecticut, wo die Firmenzentrale liegt, und 25 andere Bundesstaaten lehnen den angebotenen Vergleich jedoch ab. Sie sehen darin den Versuch, den anvisierten Prozess im Oktober zu verhindern.

Am Freitag folgte die Meldung, dass die Eigentümerfamilie versucht habe, das Ausmaß ihres Vermögens, das vom Magazin Forbes auf rund 13 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, zu verschleiern. Laut Ermittlungen der New Yorker Staatsanwaltschaft habe die Familie mindestens eine Milliarde US-Dollar in die Schweiz transferiert. Am Montag reichte der Konzern dann einen Antrag auf Gläubigerschutz beim Insolvenzgericht ein. Mit dem Verfahren nach Kapitel 11 des US-Insolvenzrechts sucht Purdue nach einer Möglichkeit, die Klagen beilegen zu können, wie das Unternehmen am Montag laut dpa mitteilte.

Selbst wenn der US-Markt wegbrechen sollte, haben die Pharmariesen kaum Schwierigkeiten. Wie der Guardian am 27. August berichtete, nutzten Konzerne wie Johnson & Johnson, Abbott Laboratories und ein mit Purdue Pharma assoziiertes Netzwerk die Lockerung der strengen indischen Betäubungsmittelgesetze, um groß in den dortigen Markt einzusteigen.

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