Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 14.09.2019, Seite 10 / Feuilleton
Gegenkultur

Luft von anderen Planeten

Aus gegebenem Anlass: Die neue Melodie & Rhythmus mit dem Schwerpunkt Konterrevolution
Von Jens Walter
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»Echte Blickfänger«: Aus der Fotoreportage von João Pina (Doppelseite 48/49)

Auch die »Wende« wird nur einmal 30. Da hat sich der bekanntlich linke Berliner Senat nicht lumpen lassen und für einige »Millionen Taler eine ›Route der Revolution‹ ersonnen sowie eine MauAR-App konzipieren lassen«, ist der neuen Melodie & Rhythmus zu entnehmen. Eine Woche lang, schreibt Jürgen Roth, werden »die hochaufgeklärten Smartphone-Hirnis durch ›Baaliin‹ strolchen und sich per GPS-Ortung und Augmented Reality 3D-Modelle der Mauer in die Rübe pixeln können, freilich aus ›verschiedenen Blickwinkeln‹ (taz), das ist Pluralismus«.

Koloniale Attitüde

Da die Gegenrevolution hierzulande im Prinzip seit Beginn der bürgerlichen Gesellschaft institutionalisiert ist, war die Existenz eines sozialistischen Staates bei all seinen Fehlern »ein grandioser Lichtblick«, wie der Liedermacher Reinhold Andert in einer M&R-Kolumne schreibt. Der ehemalige jW-Chefredakteur Arnold Schölzel bilanziert im Schwerpunktteil des Heftes (»Konterrevolution«), ausgehend von dem Hegel-Wort von der »Furie des Verschwindens«, welche Verheerungen der Anschluss an die BRD für Ostdeutschland bedeutete. Während die Hochkultur – Opernhäuser, Theater, Orchester – einen befristeten Bestandsschutz genoss, wurde die Breitenkultur ratzfatz beseitigt. Der Kulturwissenschaftler Horst Groschopp registrierte 1994 bereits die Schließung von 3.305 Bibliotheken und 407 Kulturhäusern; der Großteil der 200.000 DDR-Wissenschaftler war da schon entlassen oder in befristete Beschäftigungsverhältnisse gedrängt worden. Auch der Kunst wurde keinerlei Wert zugestanden, schreibt Schölzel: »Ästhetische Qualitäten hatte es demnach im Osten nie gegeben, nur Politik. Es dauerte eine Weile, bis Sachverständige darauf aufmerksam machten, dass bildende Kunst seit Tizians und Michelangelos Zeiten zumeist beides gewesen war.«

Die »Zerstörungswut« sei kein unmittelbares systemisches Erfordernis des wiedergekehrten Kapitalismus, sondern der »kolonialen Attitüde seiner Repräsentanten« geschuldet gewesen, so Schölzel. Der Dialektiker schöpft daraus Hoffnung: »Auch eine Konterrevolution enthält ihr Gegenteil. Kapitalismus in seiner kolonialen Form führt nicht zur Assimilation, sondern zur Artikulation des Unterdrückten.« Welche Chance die momentan zu beobachtenden Tendenzen zur Wiederaneignung des DDR-Kulturerbes allerdings unter den Bedingungen der kapitalistischen Kulturindustrie haben, deren »Kolonisation« der revolutionären Kunstautonomie Moshe Zuckermann am Beispiel der Kunstmusik darstellt, wird sich zeigen.

Zweite Dimension

Man sollte die Strahlkraft der Kulturindustrie nicht vorschnell kleinreden, sie ist nach wie vor ungeheuerlich. Was mit ihrem Siegeszug verlorenging, hat Herbert Marcuse skizziert, der im Heft mehrfach erwähnt wird. Einmal wird sein Buch »Der eindimensionale Mensch« (1964, dt.: 1967) sogar auf die Gangster-Rapper der 187 Straßenbande angewendet. In einem Kapitel des Buches geht es um Kunstwerke einer »zweiten Dimension«, die der Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft die längste Zeit unversöhnlich gegenüberstanden. Sie würden von der Kulturindustrie unterschiedslos neben allen anderen verfügbar gemacht, so Marcuse. »Text und Ton« blieben erhalten, doch technologisch werde die Distanz bewältigt, die sie vordem zur »Luft von anderen Planeten« gemacht habe (Zitat aus einem Gedicht Stefan Georges, das Arnold Schönberg 1907/08 in seinem fis-Moll-Quartett vertonte). Etwas überraschend wird die 187 Straßenbande Marcuses verlorener »zweiter Dimension« zugerechnet, »zumindest Reste(n) davon«. Indem die Hamburger Superstarproleten in ihrer offenen Verachtung des BGB das kapitalistische Ideal authentischer verkörperten »als Börsenmakler oder Politiker, die etwas von ›sozialer Verantwortung‹ erzählen«, hielten sie »der gesellschaftlichen Scheinwelt den Spiegel vor«, heißt es zur Begründung. Was Marcuse davon gehalten hätte, wäre eine sicherlich lohnende Diskussion.

Schöne Tat

Das gesprochene Wort kommt in der M&R nicht zu kurz. Komponist Heiner Goebbels erzählt im Gespräch, wie er darauf kam, die Gentrifizierung – ausgerechnet! – mit der Bearbeitung von Baustellenlärm zu thematisieren: »Zufall.« Ein Interview mit Talib Kweli, dem guten alten Bekannten des Conscious Rap, erhöht den Glamourfaktor und sorgt für Orientierung: »White Supremacy begann als For-Profit-Maßnahme und hat sich dann zu einer Ideologie entwickelt, die behauptet, das Schlimmste auf der Welt seien der Sozialismus und der Kommunismus.« Die jungen österreichischen Rapper Disorder und Overflow von der Combo Antifamilia schließlich reden mit schöner Selbstverständlichkeit von »Arbeiterjugend« – die höre »absolut reaktionäre« Leute wie die 187 Straßenbande. Ansonsten halten die beiden fest: »Auch roter Rap muss Kunst bleiben.« Wie könnte es anders sein?

Ob das oft nervtötende »Zentrum für politische Schönheit« (ZPS) des Aktionskünstlers Philipp Ruch »wirklich Kunst (macht)«, fragt im Heft der Theaterdramaturg Timo Kirez. Es handle sich eher um eine »Werbeagentur«, arbeitet Kirez mit Verweis auf den armen B. B. heraus, der sich das Hirn darüber zermartert habe, wie aus einer eindeutigen Botschaft uneindeutige Kunst werden könne. Durch Hinzufügung »dieses Unverantwortlichen, Zufälligen, Passablen« nämlich, »dass man ›Leben‹ nennt«. Von solcherlei Anstrengungen sei Ruch denkbar weit entfernt. Und sein Begriff von Schönheit erst! Dass Publizist Bernard-Henri Lévy 2011 mit einem »waghalsigen« Kurzbesuch in Libyen den NATO-Krieg gegen Muammar Al-Ghaddafi angezettelt habe, erklärte Ruch in seinem »politischen Manifest« (2015) zu »einer schönen Tat«.

In Brand

Der visuelle Höhepunkt des Hefts ist eine Fotoreportage des Portugiesen João Pina über die Spuren der »Operation Condor«, einer faschistischen »Säuberungswelle« in Lateinamerika, bei der ab 1975 mit Unterstützung der USA auch Geheimdienste verfeindeter Militärdiktaturen wie jener in Chile und Argentinien kooperierten. Zehntausende Oppositionelle wurden ermordet, Hunderttausende gefoltert und vertrieben. Pinas Fotografien sind echte Blickfänger. Auf einem menschenleeren Gefängnisflur in Uruguay werden Tücher vom Durchzug in Bewegung versetzt, ein früherer Guerillero steht bis zur Hüfte in einem Fluss in Brasilien, der das Sonnenlicht spiegelt. Blattwerk im Hintergrund lässt an den Regenwald denken, den die Faschisten um Bolsonaro zur Stunde in Brand setzen.

Herbert Marcuse konnte in »Der eindimensionale Mensch« noch vom »Sieg über die Natur« und von einer »Liquidierung des Elends in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft« schreiben. Das galt ihm als Legitimationsbasis der Kulturindustrie, überzeugt aber mittlerweile wohl nicht mal mehr Zeitgenossen, die Marx für einen Schokoriegel halten. Jedem Kind sollte allmählich dämmern, dass Kapitalismus und Klimawandel sich zueinander verhalten wie … »die Waffe und der Flug des Projektils, bevor es auf sein Ziel trifft«, wie der Schriftsteller Norbert Gstrein im M&R-Fragebogen ergänzt.

Keine Bange: Bevor sich alles von selbst erledigt – und uns mit –, wird Ende des Jahres eine M&R mit dem Schwerpunkt Ökologie erscheinen.

Melodie & Rhythmus, 4/2019, 115 Seiten, 6,90 Euro

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