Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 14.09.2019, Seite 8 / Inland
Internationales Feminimusfestival

»Breitere Bündnisse, klarerer antikapitalistischer Kurs«

»Feminist Futures Festival« in Essen: Was der Bewegung in der BRD noch fehlt. Ein Gespräch mit Franza Drechsel
Interview: Gitta Düperthal
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Frauen protestieren gegen Brasiliens rechten Präsidenten Jair Bolsonaro am Internationalen Frauentak in Sao Pauolo (8.3.2019)

Das internationale feministische Festival hat am Donnerstag in Essen begonnen und endet am Sonntag. Rund 1.400 Teilnehmende schmieden dort Bündnisse für einen klassenpolitischen Feminismus. Welche spannenden Einflüsse aus anderen Teilen der Erde sind hervorzuheben?

Unser Team hat Feministinnen aus den Bewegungen vieler Länder eingeladen, weil wir von ihnen hören wollen, wie sie sich organisieren und was wir in Deutschland von ihnen lernen können. So berichten Frauen aus Lateinamerika, aus afrikanischen, asiatischen, arabischen und europäischen Ländern von ihrer politischen Arbeit.

Können Sie Beispiele nennen?

In Brasilien wehren sich zunehmend schwarze Aktivistinnen gegen den autoritären Rechtsruck unter Präsident Jair Bolsonaro, vor allem auch gegen die hohe Mordrate an Frauen. Gegen die sogenannten Femizide formiert sich Protest. Ein bekannter Fall ist der Mord an der Stadträtin Marielle Franco in Rio de Janeiro. Sie wurde am 14. März 2018 erschossen. Nach Einschätzung von Expertinnen und Experten stammte die Munition aus dem Arsenal der Bundespolizei. Die Kommunalpolitikerin hatte unter anderem rechtswidrige Tötungen durch Polizei und Militär angeprangert. Sie kämpfte für die Rechte von schwarzen Frauen, jungen Menschen, Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intergeschlechtlichen. Aktuell geht es der Bewegung dort vorrangig darum, dass schwarze Aktivistinnen in die Parlamente einziehen.

Frauen aus Argentinien berichten von ihrer Bewegung, die in den vergangenen vier Jahren Hunderttausende auf die Straßen gebracht hat. Ihre Idee des feministischen Streiks hat auch in europäischen Ländern Anhänger gefunden, zum Beispiel in Spanien. Im Oktober soll es in Argentinien weitergehen mit einem großen selbstorganisierten Treffen. Die beeindruckende Mobilisierung dort ist in der Austeritätspolitik begründet, die Frauen stärker als Männer trifft.

Woran liegt das?

Die Verhältnisse treffen Frauen brutaler, weil sie sowohl als Nutzerinnen als auch als Beschäftigte stärker als Männer in öffentliche Dienstleistungen und Reproduktionsarbeit eingebunden sind. Der Personalnotstand in Krankenhäusern bedeutet Extrabelastungen für das oft weibliche Pflegepersonal. Werden Patienten aber nach Hause geschickt, müssen wiederum meist Frauen die Angehörigen pflegen. In feministischen Streiks können sie viele Forderungen miteinander verbinden. Sie haben es satt, prekär angestellt zu sein, nach Feierabend zu Hause weiter zu schuften und von Femiziden bedroht zu sein.

Wo auf der Welt gibt es herausragende Entwicklungen, die Feministinnen in der BRD Orientierung geben könnten?

Beispielsweise in Spanien ist zu beobachten, dass die feministische Bewegung Ausgangspunkt für breitere Allianzen ist. Gewerkschaften dort sind Teil der Bewegung. Derartige Bündnisse wären auch in Deutschland sinnvoll. Dafür müssen Feministinnen noch an ihrer Sprache arbeiten, damit prekär beschäftigte Frauen, Krankenpflegerinnen zum Beispiel, Frauen mit Migrationsgeschichte oder auch von Armut betroffene Frauen sich davon angesprochen fühlen. Das wäre wichtig für eine größere und inklusivere Mobilisierung zum nächsten feministischen Streik in Deutschland.

Wie kann es daneben hierzulande noch vorangehen?

Für einen starken Feminismus ist ein Dialog zu führen zwischen Feministinnen aus Westdeutschland und Frauen, die im Realsozialismus der DDR sozialisiert wurden. Letztere waren vor 1990 selbstverständlicher erwerbstätig und hatten größere Freiheiten, Schwangerschaften abzubrechen; sie nannten sich aber nicht Feministinnen. Westdeutsche Aktivistinnen haben dagegen mehr Organisationserfahrung. Unverständnis gibt es auf beiden Seiten. Dabei ließe sich voneinander lernen, um gemeinsam weiterzukämpfen. Wir wünschen uns in der feministischen Bewegung in Deutschland mehr Dialog, breitere Bündnisse und Offenheit sowie zugleich einen klareren antikapitalistischen Kurs.

Franza Drechsel ist Mitorganisatorin des »Feminist Futures Festivals« in Essen