Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 13.09.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Märkte

Nach dem Brexit das Chaos

Studie: EU-Kapitalmärkte abhängig von London. Frankreich dürfte führender Finanzplatz werden
Von Efthymis Angeloudis
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Nur noch wenige Wochen verbleiben bis zum Austritt Großbritanniens aus der EU

Die Uhr bis zu dem geplanten Austrittstermin Großbritanniens aus der EU tickt. Der Wunsch von Premierminister Boris Johnson nach vorgezogenen Neuwahlen am 15. Oktober ist im Parlament in der Nacht zum Dienstag ein zweites Mal abgelehnt worden. Das Gesetz der Labour-Opposition gegen den »No-Deal-Brexit« hat die letzte Hürde genommen: Die britische Queen hat dem Entwurf als letzte Instanz zugestimmt, es ist damit in Kraft gesetzt. Doch trotz des täglichen Gerangels steht eine Sache fest: Der Kapitalmarkt der EU wird nach dem Austritt der Briten ein völlig anderer sein.

Laut einer Studie des britischen Forschungsinstituts New Financial, die am Dienstag veröffentlicht wurde, wird der »Brexit« egal ob geregelt oder ungeregelt dazu führen, dass die Kapitalmärkte der Europäischen Union deutlich kleiner und weniger entwickelt sein werden. Großbritannien steht für nahezu ein Drittel der Kapitalmarktaktivitäten in der EU – dies sei mehr als die Anteile Frankreichs und Deutschlands zusammen. Ein Wegfall dieses Marktes wird dazu führen, dass die EU stärker von der Kreditvergabe durch die kriselnde Bankenbranche abhängig werden wird.

Durch einen Austritt Großbritanniens sinke auch der weltweite Anteil der EU am globalen Kapitalmarkt von 21 auf 14 Prozent und falle somit von Platz zwei hinter den USA auf ungefähr das gleiche Niveau von oder knapp unter China. Nach dem Austritt hätte Frankreich mit 16 Prozent vor Deutschlands mit 13 Prozent de facto die führende Position in der EU-Finanzbranche von Großbritannien inne – dies werde aber kaum reichen, um auf dem weltweit »größten Niveau mitzuspielen«.

Ein Großteil der Kapitalmarktaktivitäten der EU wird im Vereinigten Königreich abgewickelt. Sektoren wie Handel und Vermögensverwaltung, die sich größtenteils in London niedergelassen haben, werden nicht so leicht von Frankreich oder Deutschland zu ersetzen sein. Denn Großbritannien verfügt zwar »nur« über 16 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) der EU, allerdings über 31 Prozent am gemeinsamen Kapitalmarkt. Der britische Anteil an den Anleihenmärkte der EU beträgt 25 Prozent, bei Rentenfonds- und Versicherungsvermögen 33 Prozent und beim Devisenhandel sogar ganze 80 Prozent. In 25 der insgesamt 26 in der Studie aufgeführten Finanzbranchen hat Großbritannien somit ein (relativ zu seinem BIP) größeren Anteil am gesamten Kapitalmarkt der EU.

Der vielleicht auffälligste Aspekt der Studie ist die branchenübergreifende Dominanz der britischen Kapitalmärkte innerhalb der EU. Das Vereinigte Königreich ist der größte Markt in 80 Prozent der Finanzsektoren, die untersucht wurden. Ein Brexit würde also bedeuten, dass die EU ihren größten Markt in fast allen Sektoren des Bank- und Finanzwesens verlieren würde. Am ausgeprägtesten ist die britische Dominanz in Sektoren, in denen Unternehmen den Standort auswählen können. So werden zum Beispiel rund 80 Prozent der Hedgefonds, des Derivaten- und Devisenhandels der EU in London verwaltet.

Dies spiegelt die Rolle Londons als Knotenpunkt des europäischen Bank- und Finanzwesens in den letzten 20 Jahren des EU-Binnenmarktes wider. Die Studie zeigt aber vor allem die Abhängigkeit der EU-Märkte vom Finanzumschlagplatz London. Der Brexit werde, den Autoren der Studie zufolge, die relative Unterentwicklung der verbleibenden 27 EU-Ländern auf »ernüchternde Art« offenlegen. Finanzumschlagplätze seien organisch gewachsene Schaltzentren, die sich schwer eins zu eins von London nach Paris oder Frankfurt übertragen lassen.

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