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Aus: Ausgabe vom 13.09.2019, Seite 7 / Ausland
Tschechien

Prag streitet über Konew

Tschechien: Abstimmung über Denkmal für Befreiung durch Rote Armee. Reaktionen auch aus Russland
Von Matthias István Köhler
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Die Statue des sowjetischen Marschalls Konew in Prag, nachdem sie mit rosa Farbe übergossen wurde (8.5.2018)

Der Streit um die Statue des sowjetischen Marschalls Iwan Stepanowitsch Konew im Prager sechsten Bezirk entwickelt sich zur Staatsaffäre bis hin zu diplomatischen Affronts. Für den Donnerstag war eine Entscheidung des Bezirksstadtrats über den weiteren Verbleib des Denkmals geplant, mit der aufgrund der ausufernden, öffentlich übertragenen Debatte im Rathaus erst nach jW-Redaktionsschluss gerechnet wurde.

Das Schicksal der 1980 errichteten Statue, die an die Befreiung Prags am 9. Mai 1945 durch die 1. Ukrainische Front der Roten Armee unter Führung Konews erinnert, wird seit Ende August diskutiert. In den letzten Jahren war das Denkmal wiederholt mit Farbe beschmiert worden, so auch im vergangenen Monat. Vor allem die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956 wird dem Marschall vorgeworfen. Die Bezirksverwaltung weigerte sich, das Denkmal reinigen zu lassen und verhängte es mit einer Plane. Das löste Protest vor Ort aus, der Bezirk entschied sich, die Verhüllung zu entfernen.

Aber auch von offizieller russischer Seite gab es zum Teil starke Reaktionen. Bereits am vergangenen Freitag hatte der russische Kulturminister Wladimir Medinski das Verhalten der Stadtteilverwaltung kritisiert und den Bürgermeister des sechsten Prager Stadtbezirks, Ondrej Kolar, als »lokalen Gauleiter« bezeichnet. Kolar hatte immer wieder mit russlandfeindlichen Bemerkungen auf sich aufmerksam gemacht und nach den jüngsten Fällen von Vandalismus gegen das Denkmal wiederholt eine Verlegung befürwortet. Die Stadt könne nicht permanent für die Reinigung aufkommen. Die Situation war dermaßen aufgeheizt, dass es im Anschluss laut tschechischen Medien sogar Morddrohungen gegen Kolar gegeben hat.

Nach den Bemerkungen des russischen Kulturministers sah sich nun der sozialdemokratische Außenminister Tschechiens, Tomas Petricek, veranlasst, mäßigend auf die Streitenden einzuwirken: »Diese Form der Debatte ist nicht sehr nützlich. Ich bedaure, dass die Diskussion über diese Statue den Rahmen der Vernunft verlassen hat. Ich hoffe, dass es möglich sein wird, die eskalierte Rhetorik aufzugeben und in einen sachlichen Dialog einzutreten«, sagte Petricek laut der russischen Nachrichtenagentur TASS. Er fügte allerdings hinzu, die Worte des russischen Kulturministers seien »unangemessen« und eine Entschuldigung könnte in dieser Situation helfen.

Medinski aber legte eher noch nach. Am Donnerstag sagte er laut tschechischen Medien in einem Interview mit RIA Nowosti, die Führung des sechsten Prager Bezirks stünde auf der Seite der Vandalen, beschmutze die Erinnerung an die sowjetischen Soldaten und würde gleichzeitig gegen vertragliche Verpflichtungen verstoßen.

Darauf hatte auch das russische Außenministerium einen Tag zuvor Bezug genommen. Die Behörden der Tschechischen Republik hätten 1993 in einem Vertrag über freundschaftliche Beziehungen und Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern den Schutz von Militärdenkmälern aus sowjetischer Zeit zu garantieren. Weiter heißt es in der Stellungnahme des russischen Außenministeriums: »Wir fordern jene, die einen Krieg gegen die Symbole des Sieges über den Nazismus provozieren, erneut auf, die Entweihung des Denkmals für Marschall Konew zu beenden.« Man wolle aber gleichzeitig auch seine Freude darüber ausdrücken, dass es »viele verantwortungsbewusste tschechische Offizielle und Politiker« gebe, welche die russische Position unterstützen.

Am vergangenen Wochenende hatte sich selbst die Tochter des Sowjetmarschalls, Natalia Konewa, zu Wort gemeldet. Wie der tschechische Rundfunk berichtet, forderte Konewa, die Leiterin der russischen Behörde für Kriegsdenkmäler ist, in einem Fernsehinterview, die Statue nach Russland zu holen. »Iwan Konew hat den Tschechen nichts getan, aber es gibt keine Garantie dafür, dass die Vandalen das Denkmal in Frieden lassen.« Sie könne sich auch vorstellen, das Denkmal in Moskau in der Marschall-Konew-Straße aufzustellen.

Von Kolar wurde dieser Vorschlag Konewas begrüßt. Er hatte vor der Abstimmung am gestrigen Donnerstag auch noch die Anfertigung eines neuen Denkmals für die Befreier Prags ins Spiel gebracht. Vertreter der ANO-Bewegung des Ministerpräsidenten Tschechiens Andrej Babis hingegen schlossen das aus. Die Abgeordneten der Kommunistischen Partei hatten zuvor bereits angekündigt, am Donnerstag nicht nur für den Verbleib des Denkmals an seinem angestammten Ort, sondern auch für eine Absetzung Kolars als Bezirksbürgermeister eintreten zu wollen.

Tschechische Medien gingen davon aus, dass es für den Abtransport des Denkmals nicht die nötigen Stimmen geben würde. Sie spekulierten darauf, dass der Stadtrat als Kompromiss ein Referendum beschließen könnte. Die Bürger vor Ort sollten über die Statue entscheiden. Das hatten sowohl Außenminister Petricek als auch die Piratenpartei befürwortet.

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