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Aus: Ausgabe vom 12.09.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Leben in lichtdurchlässiger Hülle

»Schwindende Schatten«: Der große Antonio Muñoz Molina führt durch die Tiefen menschlicher Abgründe
Von Frank Willmann
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Ohne Zweifel ist der grandiose spanische Seelenforscher Antonio Muñoz Molina einer der wichtigsten Schriftsteller der Gegenwart. Seine Bücher zur jüngeren spanischen Geschichte sind kunstvoll gewebt und bisweilen von epischer Länge, kaum ein Satz ist unter sechs oder sieben Zeilen lang. Man muss bei der Lektüre seiner Bücher Zeit mitbringen. Wer diese Zeit hat, wird von Molina auf den 500 Seiten seines vielleicht bisher persönlichsten Romans »Schwindende Schatten« reich beschenkt.

Der Seismograph der spanischen Geschichte schickt seine Figuren auf einen langen Ausflug nach Lissabon, Memphis und in weitere Regionen, die im Zusammenhang mit dem Mord an Martin Luther King eine Rolle spielten – dessen Attentäter James Earl Ray ist neben dem literarischen Alter Ego des Autors der wichtigste Protagonist des Romans. Molinas Lissabon, sein Memphis sind magische Orte, wo sich die Leben des Mörders und die des Autors Molina kreuzen.

Um es noch ein wenig zu verkomplizieren, spielt der Roman auf drei Zeitebenen. Kapitel um Kapitel erfahren wir, wie sich sowohl der Autor – einmal als junger Mann in den 80er Jahren, einmal in der Gegenwart – als auch der Attentäter nach Lissabon begeben. Der junge Dichter scheitert als Familienvater, der alte Autor ist ein gestandener Schriftsteller, der mit seiner Frau, die nicht die Frau aus den 80er Jahren ist, Spuren abgeht. »Schwindende Schatten« spielt mit den Grenzen zwischen Biographie und Roman. Es ist ein Buch über einen kranken und einsamen Attentäter auf der Flucht, ein Buch über die Bemühung, Schriftsteller und Familienvater zu sein, ein Buch über Angst, dunkle Nächte und Wahnsinn.

»Ein Roman ist ein Geisteszustand, ein warmes Interieur, in das man sich zurückzieht, solange wie man schreibt; wie ein Kokon, den man Faser für Faser von innen webt und in den man sich einschließt, die Außenwelt jenseits dieser lichtdurchlässigen Hülle nur noch als vage Helligkeit wahrnehmend. Einen Roman schreibt man, um zu beichten und sich zu verstecken.« heißt es irgendwann. Es ist eine der schönsten Erklärungen, was das Schreiben von Romanen sein kann.

»Schwindende Schatten« ist keine einfache Lektüre. Doch Molinas großartige, magische Sprache gibt uns Geleit durch die Tiefen menschlicher Abgründe.

Antonio Muñoz Molina: Schwindende Schatten, Penguin-Verlag, München 2019, 512 Seiten, 26 Euro

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