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Aus: Ausgabe vom 09.09.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Großbanken

Aus zehn mach vier

Indien verkündet zweite Stufe der Fusionen staatlicher Banken
Von Thomas Berger
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Protest von Bankangestellten am 31. August 2019 in Kolkata gegen Regierungspläne

Indiens Regierung will den Bankensektor weiter reformieren: Wie Finanzministerin Nirmala Sitha­raman am 30. August ankündigte, soll die Zahl der staatlichen Finanzinstitute deutlich schrumpfen. Zehn Unternehmen werden durch Zusammenschlüsse auf vier reduziert. Die Ministerin sprach von »Banken der nächsten Generation«, die größere Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit vorweisen würden. Hinter den Plänen steckt auch die Idee, den Anteil »fauler Kredite« in einigen der staatlichen Geldhäuser zu reduzieren. Die Entscheidung kommt im 50. Jahr der ersten Bankennationalisierung, als unter Indira Gandhi 1969 zunächst 14 der größten Kreditinstitute in staatliche Hand überführt wurden. 1980 folgten sechs weitere.

Die Oriental Bank of Commerce und die United Bank of India werden nun in der Punjab National Bank aufgehen, die dadurch mit einer Bilanzsumme von 17,94 Billionen Rupien (225 Milliarden Euro) zur zweitgrößten staatlichen Bank des Landes hinter Platzhirsch State Bank of India (SBI, 52,05 Billionen Rupien) aufsteigt. In der gleichen Liga spielt künftig mit 15,2 Billionen Rupien auch die Canara Bank, die ihrerseits die Syndicate Bank schluckt und nach der drittplatzierten Bank of Baroda zur Nummer vier wird. Unmittelbar dahinter rangiert das künftige Fusionsprodukt aus Union Bank, Andhra Bank und Corporation Bank mit 14,59 Billionen Rupien. Zusammengeschlossen werden außerdem Indian Bank und Allahabad Bank – fortan auf Platz zehn der größten nationalen Geldhäuser. Das Eigenkapital der vier Zusammenschlüsse soll mit einer Finanzspritze von umgerechnet 6,57 Milliarden Euro gestärkt werden.

Bereits 2017 wurde eine Reihe von Fusionen indischer Geldhäuser durchgeführt. Die nun erfolgte Ankündigung der zweiten Stufe der Bankreform kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich Indiens Wirtschaftswachstum das fünfte Quartal in Folge abgeschwächt hat. Die ökonomischen Eckwerte des Landes, das lange einer der Motoren des Aufschwungs in Asien war, sind auf den Stand von 2013 zurückgefallen – keine gute Bilanz für Premier Narendra Modi, der bei seinem ersten überragenden Wahlsieg 2014 ausdrücklich mit dem Versprechen eines größeren Wirtschaftswachstums als je zuvor und damit Wohlstand geworben hatte. Kritiker werfen der Regierung vor, mit der Bankenfusion von anderen Problemen abzulenken.

Zusammengenommen halten die vier Blöcke künftig rund die Hälfte der vom indischen Bankensektor kontrollierten Vermögenswerte. Finanzanalysten zweifeln dennoch daran, dass die Fusionswelle hilft, die »faulen Kredite« loszuwerden. Auch die »aufnehmenden« Banken seien nicht unbedingt alle kerngesund, und zumindest das nächste halbe Jahr würden notwendige Umstrukturierungsprozesse auf Managementebene Kräfte binden, die für notwendige Reformen an anderer Stelle wegfielen, sagte der Analyst Anil Gupta von ICRA Ltd., einer Moody’s-Tochter, laut dem Wirtschaftsmagazin Live Mint (Donnerstag).

»Ich nutze diese Möglichkeit, um zu versichern, dass nicht ein einziger Mitarbeiter aufgrund der Fusionen gehen muss«, sagte Finanzministerin Nirmala Sitharaman am 1. September vor Pressevertretern. Die Beschäftigten zweifeln allerdings an der Zusage. Daher wollen die Vertreter der neun im Bankensektor aktiven Gewerkschaften am 11. September über koordinierte Protestaktionen beraten, wie C. H. Venkatachalam, Generalsekretär der mit 400.000 Mitgliedern größten All India Bank Employees Association, am vergangenen Montag gegenüber Live Mint ankündigte. In einem Interview mit dem Onlineportal The News Minute erläuterte Venkatachalam seine Bedenken. Er erwarte eine Zeit von neun bis zwölf Monaten, während der die Banken nur mit sich selbst beschäftigt sind. »Der Schritt kommt zum falschen Zeitpunkt«, sagte er und verwies auf die Schließung von landesweit 7.000 Filialen bei der früheren Fusion der SBI – die Angst vor Jobabbau sei also nicht aus der Luft gegriffen.

Erst vor wenigen Tagen war Sitharamans Amtsvorgänger Arun Jaitley verstorben, nachdem er im Mai aus gesundheitlichen Gründen auf ein erneutes Ministeramt verzichtet hatte. Zudem rückte Modi-Kritiker Pala­niappan Chidambaran in die Schlagzeilen: Der frühere Finanzminister wurde am Donnerstag in das Tihar Jail, Südasiens größten Gefängniskomplex, überstellt. Nach zwei Wochen, die er bereits in Arrest der nationalen Ermittlungsbehörde CBI verbracht hatte, wies der Oberste Gerichtshof seinen Kautionsantrag ab und ordnete die zunächst bis 19. September angesetzte Haft des 74jährigen an, gegen den Ermittlungen zu Korruptions- und Geldwäschevorwürfen in einem bis 2007 zurückreichenden Fall um die Firmengruppe »INX Media« laufen.

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