Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 07.09.2019, Seite 5 / Inland
Personalabbau

Servicewüste Deutsche Bahn

An 5.479 Bahnhöfen in Deutschland findet sich kein Mitarbeiter. Fahrgäste sollen sich über das Internet informieren
Von Katrin Küfer
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Die Stationen des DB-Regio-Netzes einbezogen, haben 97 Prozent der Bahnhöfe in Deutschland kein Servicepersonal (am Berliner Ostkreuz, 2019)

Im bundesdeutschen Schienennetz haben 97 Prozent der Personenbahnhöfe kein Servicepersonal. Dies ist das Fazit einer Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke.

Insgesamt gibt es derzeit bundesweit 5.663 Personenbahnhöfe, die überwiegend von der Deutschen Bahn AG (DB) verwaltet werden. Dazu zählen auch 266 Bahnhöfe des DB Regionetzes. In 5.479 dieser Stationen ist kein permanentes Personal präsent, das als Ansprechpartner der Kunden fungieren, Fahrkarten verkaufen, behinderten Menschen beim Ein- und Ausstieg helfen oder andere Jobs ausführen könnte. »Wenn an mehr als 5.000 Bahnhöfen kein Servicepersonal anzutreffen ist, dann läuft etwas schief«, so Linksfraktionschef Dietmar Bartsch. »Ein Bahnhof, der angefahren wird, muss auch mit DB-Personal besetzt sein.« Schließlich gehe es nicht nur um Auskünfte, sondern auch um Sicherheit, so Bartsch.

Die DB hat nach eigenen Angaben bundesweit 3.000 Servicemitarbeiter an großen Bahnhöfen und wichtigen Umsteigepunkten. Zudem gebe es rund 2.300 Reiseberater in Reisezentren größerer Bahnhöfe sowie rund 2.000 Reinigungskräfte. Für die Sicherheit seien 5.000 Bundespolizisten sowie rund 4.000 DB-Sicherheitskräfte im Einsatz. Grundsätzlich könnten sich Fahrgäste an allen Stationen über Aushänge, Fahrpläne oder elektronische Anzeiger informieren und nutzten immer mehr Fahrgäste das Internet, um Auskunft zu erhalten und Fahrscheine zu buchen, so die DB.

Defekte Automaten

Dass viele Stationen mit den roten DB-Fahrkartenautomaten ausgestattet sind, ist allerdings kein vollwertiger Ersatz für gute Beratung durch qualifiziertes Personal. Viele ältere Menschen haben keine Erfahrung im Umgang mit Automaten oder Internet. Defekte Automaten lösen oft Stress aus, wenn die Fahrgäste befürchten müssen, dass sie bei einer Kontrolle im Zug als »Schwarzfahrer« verfolgt werden könnten. Zudem stellen oftmals Verkehrsverbünde und Privatbahnen, die in vielen Landstrichen die DB im Regionalverkehr verdrängt haben, eigene Fahrkartenautomaten nur für ihre eigenen Netze auf.

In früheren Jahrzehnten waren die Bahnhöfe der Staatsbahnen Deutsche Bundesbahn und Deutsche Reichsbahn überwiegend mit Personal besetzt, das den Personen- und Stückgutverkehr abwickelte sowie für Fahrscheinverkauf, Auskunft und Service zuständig war. Diese Präsenz vermittelte ein Gefühl von Sicherheit und erhöhte die Hemmschwelle für Vandalismus. Doch mit dem Prozess der Privatisierung seit 1994 wurde diese personelle Präsenz drastisch abgebaut. Bahnhöfe, die früher Diensträume und Dienstwohnungen beherbergten, wurden massenhaft an Private verscherbelt. Oftmals bleibt der Öffentlichkeit nur der Zugang zu den Bahnsteigen. Vielfach spekulierten neue Eigentümer mit der Immobilie und ließen sie verkommen. Wenn heute eine Kommune Pläne für die Wiederbelebung eines Bahnhofsgebäudes hegt, steht dem Projekt oftmals das Veto des Privateigentümers entgegen.

Nachteilig wirkt sich auch die Aufspaltung der DB in mehrere hundert Tochterbetriebe aus. So gehören etwa Fahrdienstleiter in Stellwerken, Fahrkartenverkäufer und Kundenberater in Reisezentren, Personal an »Service Points«, Reinigungskräfte und für die Instandhaltung der Stationen zuständige Techniker unterschiedlichen Firmen mit eigenem Management an. Während Stationsvorsteher früher gut geschulte »Allrounder« waren, müssen heute Beschäftigte oftmals lange Wege mit dem Auto zurücklegen, um eine defekte Glühbirne auszutauschen oder Vandalismusschäden zu beseitigen. Die Auslagerung einzelner Tätigkeiten an Externe ohne Kenntnisse von Bahnspezifika kann das Chaos wesentlich vergrößern.

Logistik über die Straße

Der Rückzug der DB aus der Fläche und die Trennung zwischen Personen- und Güterverkehr bringen auch riesige gesellschaftliche Folgekosten sowie sozialen und ökologischen Rückschritt mit sich. Während man früher auch an kleinen Bahnhöfen Pakete und Koffer aufgeben konnte, die über Nacht per Bahn in die gesamte Republik verfrachtet wurden, wird die Logistik heute in der Regie privater Konzerne mit separaten Transportketten komplett über Straße und Flugzeug abgewickelt. Koffer von Bahnkunden transportiert der Hermes-Versand über die Straße. Auch die traditionelle Verzahnung zwischen staatlicher Post und staatlicher Bahn wurde mit der Privatisierung beider Unternehmen in den 1990er Jahren gestoppt. Damit einher gehen Umweltzerstörung, Ressourcenverschwendung, Prekarisierung der Arbeit und unterm Strich eine Vernichtung von Arbeitsplätzen in der gesamten Branche. So bleibt das Ziel einer Wiederbelebung kleinerer Bahnhöfe mit qualifiziertem Personal eine gewaltige Aufgabe, die mit dem Profitstreben privater und privatisierter Konzerne nicht vereinbar ist.

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