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Aus: Ausgabe vom 03.09.2019, Seite 12 / Thema
Geschichte Italiens

Mit libertären Zügen

Biennio Rosso 1919/20: Die Turiner Rätebewegung und Antonio Gramsci
Von Sabine Kebir
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Besetzte Fabrik (vermutlich in Turin), gehalten von den Guardie Rosse, während der »zwei roten Jahre« 1919/20

Die Nachricht vom Sturz des russischen Zaren im März 1917 wurde in den Fabriken der norditalienischen Stadt Turin gefeiert, als wäre der eigene König gestürzt worden. Und als dann die Bolschewiki einen »Staat der Sowjets«, d. h. einen Rätestaat forderten, in dem der Boden den Bauern und die Betriebe den Arbeitern gehören sollten, stieß das wie in anderen europäischen Ländern auch in Italien auf großes Interesse. Turin, das größte und modernste Industriezentrum des Landes, wo zwei Drittel der Bevölkerung in Fabriken arbeiteten, war seit Jahren eine revolutionäre Hochburg. Dort hatte es 1915 und 1917 große Streiks gegen die Waffenproduktion für den Krieg gegeben.

Um einer besonders in Turin drohenden Sowjetisierung entgegenzuwirken, wurde in den ­FIAT-Werken ein auf Praktiken großer Unternehmen in den USA basierendes innerbetriebliches Polizeisystem geschaffen, das einer Stärkung der proletarischen Organisation entgegensteuern und die Beziehungen zwischen Patronat und Arbeitern befrieden sollte. Antonio Gramsci, damals Journalist in der Piemonteser Redaktion des Avanti, dem Organ des Partito Socialista Italiano (PSI), veröffentlichte am 5. Februar 1919 den Artikel »Ein Sowjet in Turin«. In polemischer Umkehr war damit kein Arbeiterrat gemeint, sondern die Bildung innerbetrieblicher Milizen. Da sie sich die »Tauben« nannten, verglich Gramsci sie mit dem auf Anregung von US-Präsident Woodrow Wilson gegründeten Völkerbund, der den Klassenkampf neutralisieren, nicht aber die kapitalistische Konkurrenz abschaffen wolle und daher – entgegen vorgeblicher Zielsetzung – keine künftigen Kriege verhindern würde. Giovanni Agnelli, der Besitzer der FIAT, der sich als »überzeugter Vertreter des dauerhaften Friedens« darstellte, habe, so Gramsci, aus dem Unternehmen »eine nordamerikanische Kolonie« gemacht.¹

»Arbeiterdemokratie«

Am 1. Mai 1919 erschien die erste Nummer der u. a. von Gramsci und Palmiro Togliatti gegründeten Wochenzeitschrift L’Ordine Nuovo – Neue Ordnung, mit der die Entwicklung der Arbeiterkultur im umfassenden, auch das Politische einschließenden Sinne vorangebracht werden sollte. In einem »Arbeiterdemokratie« betitelten Artikel vom 21. Juni warf Gramsci die Frage auf, wie die »ungeheuren, vom Krieg entfesselten Kräfte« des Proletariats »diszipliniert werden« und »eine politische Form« erhalten könnten, »die die Kraft in sich hat, sich normal zu entwickeln und kontinuierlich zu ergänzen, bis sie zum Gerüst des sozialistischen Staats wird«. Das würden weder eine Partei noch die Gewerkschaften leisten. Aber es könnten sich die seit 1906 in einigen italienischen Betrieben (in Turin seit 1912) existierenden Internen Betriebskommissionen zu Fabrikräten entwickeln, zu »Organen der Arbeitermacht«, die fähig seien, »den Kapitalisten in allen seinen Funktionen der Leitung und Verwaltung« zu ersetzen und zu Keimzellen des künftigen proletarischen Staats zu werden. Im Unterschied zu den Betriebskommissionen, die nur von Gewerkschaftsmitgliedern gewählt wurden, sollten die Räte von allen im Werk Arbeitenden gewählt werden, auch von Angestellten und Technikern. Nicht nach russischem, sondern nach englischem Vorbild würden etwa 15 Vertreter der Werksangehörigen je einen Delegierten wählen. Mit derart umfassender demokratischer Legitimation solle das Ziel der innerbetrieblichen proletarischen Organisationen nicht mehr nur sein, zwischen Unternehmern und Arbeitern zu vermitteln, sondern für die Arbeitermacht im Betrieb und die Arbeiter- und Bauernmacht im Staat zu kämpfen. In der Folge würde sich für die im PSI und den Arbeiterklubs der Stadtbezirke tätigen Kommunisten »ein weites Feld konkreter revolutionärer Propaganda« eröffnen, in die alle anderen, noch unorganisierten »revolutionären Energien«, auch Werktätige aus anderen Branchen einbezogen werden sollten: »Kellner, Kutscher, Straßenbahner, Eisenbahner, Straßenkehrer, Privatangestellte, Verkäufer usw.« So könnten dann Stadtteilräte und Bauernräte auf dem Land entstehen.²

Dass die Eroberung der Macht im Betrieb der Eroberung der Staatsmacht vorausgehen könne, entsprach weder der Linie der damaligen Führung des PSI unter Filippo Turati noch der führender Kräfte der Parteilinken. Der einflussreiche Giacinto Menotti Serrati war gegen die Einbeziehung nichtorganisierter Arbeiter in den Wahlprozess. Und Amadeo Bordiga, der künftige erste Vorsitzende des Partito Comunista d’Italia (PCI), hielt es für unmöglich, dass die Arbeiterklasse ökonomische Macht erringen könne, solange die Bourgeoisie die Macht im Staat habe. Aber der L’Ordine Nuovo brachte damals die Motivation der realen Bewegung der Turiner Industriearbeiterschaft zum Ausdruck und wurde zum Kommunikationsorgan der sich formierenden Rätebewegung.

Die Zeitschrift veröffentlichte Artikel von John Reed über die Funktionsweise russischer Räte, über das ungarische Rätesystem, aber auch über Räte in England und Amerika. Es erschienen Artikel von Georges Sorel, Nikolai Bucharin, Bela Kun, Jules Humbert-Droz und natürlich von Lenin.

Solidaritätsstreik

Am 20. und 21. Juli 1919 legten italienische Werktätige in einem Solidaritätsstreik mit den Sowjetrepubliken in Russland und Ungarn ihre Arbeit nieder und demonstrierten gegen die Entente, die – mit Ausnahme Italiens – konterrevolutionäre Truppen mobilisiert hatte. In Turin war mit einer Verbrüderung zwischen Arbeitern und der Brigade Sassari, die im März zur Aufstandsverhinderung aus Sardinien in die Stadt verlegt worden war, zu rechnen. Der selbst aus Sardinien stammende Gramsci hatte die Soldaten immer wieder in ihrer, dem Italienischen recht entfernten Sprache agitiert, nicht auf Streikende zu schießen. Deshalb war die Brigade zwei Tage vor Beginn des Ausstands, am 18. Juli, abkommandiert worden. Sie marschierte um zwei Uhr nachts unter Beifall der Bevölkerung aus der Stadt. Auch die sardischen Wächter, die Gramsci bei einer kurzzeitigen Verhaftung während des Streiks zu beaufsichtigen hatten, ließen sich – einschließlich ihres Offiziers – von ihm agitieren.

Anfang September formierten sich aus 2.000 Arbeitenden die ersten Fabrikräte, bald waren es 30.000 Metallarbeiter der verschiedenen ­FIAT-Filialen, die ihre Werke besetzten und beschlossen, die Produktion in eigener Regie fortzuführen. Im Büro von Giovanni Agnelli saß jetzt der sozialistische Arbeiter Giovanni Parodi.³

Da die Arbeiter die Kontrolle über völlig intakte Werke gewonnen hatten und ein kleiner Teil der Techniker und Angestellten mit den Räten zusammenarbeitete, konnte die Produktion bei FIAT zu etwa zwei Dritteln aufrechterhalten werden. Probleme mit dem Nachschub an Materialien und auch Absatzschwierigkeiten wurden für temporär gehalten, weil die Turiner Räte von der Ausdehnung ihres Systems auf andere Landesteile rechneten. Die Redakteure von L’Ordine Nuovo besuchten jetzt oft die Betriebe. Gramsci machte sich rasch mit der organisatorischen und technischen Funktionsweise der Betriebe vertraut; er soll die Namen aller Maschinen gekannt haben.

Unternehmer und Staat schienen kapituliert zu haben. Gramsci schrieb, dass die Räte »innerhalb einer Stunde 120.000 Arbeiter mobilisieren« konnten. »Eine Stunde später bewegte sich diese Lawine bis ins Stadtzentrum und fegte sämtliche Straßen und Plätze von der ganzen nationalistisch-militaristischen Canaille frei.«⁴

Zweierlei Anarchismus

Battista Santhià, ein L’Ordine Nuovo verbundener Mechaniker gab 1967 zu Protokoll, dass die Vollversammlung der Turiner Räte damals die »größte Autorität« besaß, »mehr als die Partei und die Gewerkschaft (…) Das hat eine starke Einheit geschaffen.« Gramsci habe politisch dafür geworben und auch erreicht, dass anstelle erprobter Genossen Arbeiter aus dem Süden, bzw. Leute gewählt wurden, die aus der ländlichen Umgebung kamen und in Turin arbeiteten. Da die Räteidee bekämpft und verleumdet wurde, habe er es als wichtig angesehen, wenn ein Bauernsohn, der in sein Dorf zurückkehrte, sagen konnte: »Ich bin Mitglied des Fabrikrates«.

Mit der Einbeziehung der Bauern versuchte Gramsci, den Spaltungen entgegenzuwirken, die zwischen dem agrarischen Süden und dem industrialisierten Norden, aber auch zwischen Sozialisten und Katholiken bestanden. Dass letztere sich gerade im neugegründeten Partito Popolare – dem Vorläufer der Democrazia Cristiana – organisierten, hielt er für einen Fortschritt, weil es der erste Versuch in Italien war, die Bauern überhaupt zu organisieren.

Santhià wies darauf hin, dass »auch anarchistische Gewerkschafter mit uns einverstanden waren und sogar Elemente aus den weißen [nichtsozialistischen] Gewerkschaften«.⁵ Maurizio Garino, selbst ein libertärer Gewerkschafter, bestätigte 1967, dass Sozialisten und Anarchisten in der Turiner Rätebewegung effektiv zusammengewirkt hätten. Gramsci sei ein Sozialist mit libertären Zügen gewesen, weil er das Prinzip, alle Betriebsangehörigen zur Wahl zuzulassen, gemeinsam mit den Anarchisten durchsetzte. Differenzen gab es freilich in der Frage, ob der gemeinsame Kampf gegen den Kapitalismus in eine Gesellschaft ohne Staat münden müsse.⁶

Weil er überzeugt war, dass Produktion und Distribution auch künftig staatliche Organisation erfordern würden, argumentierte Gramsci hier in einer differenzierten Weise. Er unterschied zwischen dem Anarchismus der Intellektuellen und dem der Arbeiter. Für die ersteren sei er ein »Idol«, der »Daseinsgrund für ihre gegenwärtige und zukünftige besondere Tätigkeit. Der Arbeiterstaat wird in der Tat für die anarchistischen Agitatoren, so wie für die Bourgeoisie ein ›Staat‹, eine Beschränkung der Freiheit, ein Zwang sein«. Die anarchistischen Arbeiter hingegen bekämpften eigentlich allein den kapitalistisch-bürgerlichen Staat, »das Eigentum, das sie abschaffen wollen, ist nicht das ›Eigentum‹ im allgemeinen, sondern die kapitalistische Eigentumsform. Für die anarchistischen Arbeiter wird die Machtergreifung des Arbeiterstaates das Anbrechen der Klassenfreiheit und damit auch ihrer persönlichen Freiheit sein.« Im »positiven Handeln« der proletarischen Schöpferkraft »kann es keinen Unterschied zwischen Arbeiter und Arbeiter geben. Die kommunistische Gesellschaft kann nicht von oben herab durch Gesetze und Dekrete geschaffen werden. Sie wird spontan aus der historischen Aktivität der arbeitenden Klasse hervorgehen, die die Initiativgewalt in der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion errungen hat und die dazu berufen ist, die Produktion auf neue Weise und mit einer neuen Ordnung zu reorganisieren. Der anarchistische Arbeiter wird dann die Existenz einer zentralisierten Macht schätzen, die ihm dauerhaft die eroberte Freiheit garantiert.«⁷

Zaudernde Sozialisten

Während sich Gramsci ein Zusammenspiel der Räte mit der Sozialistischen Partei und den Gewerkschaften vorstellte, sahen letztere in den Räten Konkurrenzorgane und waren, da sie auch keine Revolutionsperspektive hatten, nicht zu ihrer Unterstützung und nationalen Vernetzung bereit. Diese Konflikte stellten sich auch als solche zwischen Wahlbefürwortern und Wahlgegnern dar, wobei die ersteren das bürgerlich-parlamentarische Repräsentativsystem beibehalten und die anderen es durch eine Rätedemokratie ersetzen wollten, in der zwar auch Wahlen stattfinden, aber in breiterem Demokratieverständnis organisiert werden sollten. Die Turiner Gruppe um L’Ordine Nuovo nahm eine Zwischenposition ein. Wie aus einem Artikel Gramscis vom 15. November 1919 hervorgeht, hatten sich die »bewussten Revolutionäre« entschlossen, an den Parlamentswahlen teilzunehmen, obwohl sie sich keine Illusionen über das Ergebnis machten, da sie auf der Basis von Territorialbezirken abgehalten wurden. Die Revolutionäre stimmten mit den Reformisten des PSI darin überein, dass die Bedingungen für die Revolution in Italien noch nicht vorhanden seien, hofften aber – im Gegensatz zu den Reformisten –, der künftigen Revolution im Parlament eine Stimme zu geben.⁸

Nicht nur die gut ein Jahr später stattfindende Niederschlagung des Aufstands der Kronstädter Matrosen lässt die optimistische Perspektive der Turiner Rätebewegung utopisch erscheinen, sondern auch die Lage der Turiner Räte selbst. Immer wieder appellierten sie an den PSI, alle in ähnliche Richtung gehenden Initiativen in Italien zu unterstützen und zu koordinieren. In L’Ordine Nuovo vom 2.–6. März 1920 entwarf Gramsci den Plan eines nationalen Kongresses der Fabrikräte, »die durch ihre ausdrücklich dazu gewählten Delegierten und nicht durch Gewerkschaftsfunktionäre vertreten« würden. Der Kongress sollte »das Problem der proletarischen Einheit« diskutieren, die Beziehungen zwischen Fabrikräten und Gewerkschaften regeln, den Beitritt zur III. Internationale beraten, das Verhältnis zwischen Anarchosyndikalisten und kommunistischen Sozialisten klären, Probleme des Klassenkampfes wie der Arbeiterkontrolle der Industrie, des Achtstundentags, der Löhne, des Taylor-Systems, der Arbeitsdisziplin, usw. beraten. Die Arbeiter aus ganz Italien besäßen ein leuchtendes Beispiel dafür, was der Fabrikrat tun kann, »um die Arbeiterklasse zu ihrer Befreiung, zu ihrem Sieg zu führen.«⁹

Da alle Bemühungen, den PSI zur aktiven Unterstützung der Rätebewegung zu bringen, scheiterten, entwickelte sich eine immer stärker werdende parteiinterne Strömung, die zur Gründung einer entschlossenen kommunistischen Partei drängte. Obwohl Lenin ausdrücklich die Position von L’Ordine Nuovo als diejenige Strömung in Italien anerkannt hatte, die der III. Internationale am nächsten stand, trat Gramsci noch nicht für den Austritt der Kommunisten aus dem PSI ein. Er nahm an, dass sich dazu nur eine Minderheit entschließen würde und dass weiterhin versucht werden müsse, für die räterevolutionäre Orientierung der Gesamtpartei zu arbeiten.

Konterrevolution

Während die Fabrikräte noch überzeugt waren, die Kontrolle über die Fabriken aufrechterhalten zu können, formierte sich ein Bündnis zwischen Industriellen, Militär und faschistischen Kampfbünden. Der langjährige Premier Giovanni Giolitti, der im Juni 1920 wieder ins Amt berufen wurde, bot sich als Vermittler zwischen den Industriebaronen und den Arbeitern an. Aber das Patronat weigerte sich, die Räte als Verhandlungspartner anzuerkennen. Statt dessen versprach es kleine soziale Zugeständnisse. Im März 1920 begann in Kombination von legaler staatlicher und extralegaler faschistischer Gewalt die Gegenoffensive. Anfang April wurde Turin mit etwa 50.000 stationierten Soldaten und auf den umliegenden Hügeln postierten Geschützen zur militärischen Festung. An den Brennpunkten der Revolte und an strategischen Punkten der Stadt, an Brücken, Kreuzungen und vor den Werken wurden Maschinengewehre plaziert. Truppen versuchten, in die Fabriken einzudringen, die von bewaffneten Arbeitern besetzt waren. Und wie der Zeitzeuge Giuseppe Frongia angab, hatten sich etwa 1.000 bis 1.500 Jugendliche sich auf einen Guerillakampf vorbereitet.¹⁰

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Antonio Gramsci, geboren am 22. Januar 1891 in Ales/Sardinien; gestorben am 27. April 1937 in Rom in faschistischer Kerkerhaft

Gramsci wusste, dass die Staatsmacht nur auf einen Anlass wartete. Santhià berichtet, dass Gramsci mehrfach während des Streiks in die Werke kam und von einem bewaffneten Aufstand dringend abriet: Wie 1915 und 1917 würde Turin isoliert bleiben, es würde keine genügende Unterstützung aus anderen Regionen kommen.

Die Turiner Arbeiterschaft reagierte im April 1920 mit einem erneuten Generalstreik, an dem mehr als 200.000 Menschen teilnahmen. Ein Blutbad wurde so vermieden. Es kam jedoch zu Zusammenstößen zwischen Arbeitern und den aus den Arsenalen des Staates bewaffneten faschistischen Banden. Nachdem ein großer Teil der in der Rätebewegung aktiven Arbeiter entlassen worden war, wurde Anfang September 1920 die Arbeit wieder aufgenommen. Die Räte waren in Interne Betriebskommissionen zurückverwandelt worden.

Auch nach der Niederlage verfocht Gramsci weiterhin das Rätesystem. Am 12. Juni 1920 schrieb er in L’Ordine Nuovo: »Die Kraft des Rates besteht darin, dass er dem Bewusstsein der Arbeitermasse entspricht, dass er selbst dieses Bewusstsein der Arbeitermasse ist, die sich emanzipieren und ihre freie Initiative behaupten will, Geschichte zu schaffen: Die ganze Masse nimmt am Leben des Rates teil und spürt, dass sie durch ihre Aktivität eine Bedeutung hat. Am Gewerkschaftsleben nimmt eine äußerst begrenzte Zahl der Organisierten teil; hier liegt die wahre Kraft der Gewerkschaft, aber es liegt auch eine Schwäche darin.«¹¹

Im Januar 1921 kam es zur Abspaltung der immer noch minoritären kommunistischen Gruppierung innerhalb des PSI und zur Gründung des PCI. Erster Sekretär war Amadeo Bordiga, der mittels einer kleinen schlagkräftigen Kaderpartei nach dem Vorbild der Bolschewiki einen baldigen Sturz der Staatsführung erreichen wollte. Gramsci, der bereits im Kampf um das Rätesystem um den Konsens einer proletarischen Mehrheit gerungen hatte, vertrat das Konzept einer Massenpartei und wurde 1924 zum Vorsitzenden gewählt.

Anmerkungen

1 Antonio Gramsci: Ein Soviet in Turin. In: Ders.: Philosophie der Praxis, Frankfurt am Main 1967, S. 27–29

2 Antonio Gramsci: Arbeiterdemokratie. In: Ders.: Zu Politik, Geschichte und Kultur, Leipzig 1980, 38–42

3 Giuseppe Fiori: La vie de Antonio Gramsci, Paris 1970, S. 165

4 Antonio Gramsci: Bericht an das Exekutivkomitee der Komintern im Juli 1920. Zit. n. Fiori, a. a. O., S. 150

5 Battista Santhià: »Il movimento si esauricse nella fabbrica. Politicamente andiamo verso la sconfitta. In: Cesare Bermani: Gramsci Raccontato, Rom 1987, S. 107

6 Maurizio Garino: Era un comunista con un influsso libertario. In: Ebd., S. 87/88

7 Antonio Gramsci: Discorso agli anarchici. In: Ders. L’Ordine Nuovo, Turin 1975, S. 399/400

8 Antonio Gramsci: I rivoluzionari e le elezioni. In: Ebd., S. 309

9 Antonio Gramsci: Regierungspartei und Regierungsklasse. In: Ders.: Zu Politik, Geschichte ... a. a. O., S. 52

10 Giuseppe Frongia: Era capace di ascoltare anche le cose strampalate che potevano uscire dalle bocche dei lavoratori. In: Giuseppe Birmani: Gramsci raccontato ..., a. a. O., S. 130

11 Antonio Gramsci: Sindacati e consigli, Ebd. , S. 134

Sabine Kebir schrieb an dieser Stelle zuletzt am 20. Juni zum Antisemitismus in Polen.

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