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Aus: Ausgabe vom 02.09.2019, Seite 8 / Inland
Aktiv für den Frieden

»Es gilt, örtliche Friedensinis wieder aufzubauen«

Nach dem Antikriegstag: Hamburger Aktivisten wollen Aufrüstung etwas entgegensetzen. Ein Gespräch mit Holger Griebner
Interview: Kristian Stemmler
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Ostermarsch 2019 in Hamburg

Nicht nur am gestrigen Antikriegstag, sondern auch beim Hamburger Methfesselfest im August, das Sie mitorganisiert haben, war Frieden das zentrale Thema. Sie haben dort für die Gründung einer Friedensinitiative Eimsbüttel geworben. Was ist der Hintergrund?

Dieses tolle Initiativenfest wurde bisher Jahr für Jahr überwiegend von Menschen möglich gemacht, die durch die frühere Friedensbewegung geprägt sind. Am 22. Oktober 1983 (Tag, an dem in Bonn eine halbe Million Menschen gegen die Stationierung neuer Atomraketen in Mitteleuropa protestierten, jW) formierte sich in der Hamburger Osterstraße ein Demozug von 20.000 Menschen Richtung Rathausmarkt. Unser »Woodstock« waren damals Konzerte von Künstlern für den Frieden, Straßenfeste, Demos und Blockaden. Einen guten Teil unserer Jugend haben wir auf der Straße verbracht. Das konnten wir durchhalten, weil wir uns in zahllosen, meist stadtteilbezogenen Friedensinitiativen geschult haben. Wir waren sehr gut informiert über die vom US-Imperium verübten Greueltaten und dessen Pläne, Europa gegen die Sowjetunion zum atomaren Schlachtfeld zu machen. Die örtlichen Friedensinis waren unsere Basis – die gilt es jetzt wieder aufzubauen.

US-Präsident Donald Trump hat den INF-Vertrag zum Verbot der Stationierung landgestützter nuklearer Mittelstrecken aufgekündigt. Was bedeutet das für die Friedensbewegung?

Es ist eine herbe Niederlage für uns alle. Wir Älteren, die in den 80ern die Raketenstationierung bekämpft haben, müssen wieder ran. Der Feind wird in gleicher Himmelsrichtung verortet wie damals. Die USA wiederum haben vorrangig China im Visier. Die Stationierungspläne des »Imperiums« auf den Inseln vor der chinesischen Küste machen deutlich, dass sich entweder eine Weltfriedensbewegung formieren oder unsere Gattung von der Erde verschwinden wird.

Auch im Nahen und im Mittleren Osten flammen Konflikte immer wieder auf, zum Beispiel an der Straße von Hormus. Wie bewerten Sie diese Eskalation?

Es handelt sich um neokoloniale Raubkriege. Brutal werden Menschenrechte für Profite missachtet, getreu dem Motto: »Was macht unser Öl unter eurer Erde?« Statt Völkerrecht gilt das Recht des Stärkeren. Eine europäische Kriegsmarine kaperte ein Handelsschiff des Feindes, was zur Gegenattacke Irans führte. Die Bundesregierung ist drauf und dran, den NATO-Verbündeten für die Sicherung eigener Handelswege militärisch zu helfen.

Haben Sie den Eindruck, dass die Bundesregierung irgendwo deeskalierend agiert?

Da die Bundesregierung und ihre Auftraggeber mit Soldaten und Sanktionen bereits vielfach selbst Kriegspartei sind, zerstört sie das Völkerrecht und verantwortet im NATO-Kriegsbündnis, aber auch im Rahmen von EU-Missionen Kriegsverbrechen.

Kommen wieder mehr junge Leute zu Veranstaltungen der Friedensbewegung, oder engagieren die sich lieber bei der Klimaschutzbewegung »Fridays for Future«?

Die Vorbereitungsgruppe des Methfesselfests wird langsam von jungen Menschen geentert, die zwar nicht alle alten Seebären von der Kogge vertreiben wollen, aber hinter der Bühne, in den »sozialen Netzwerken«, beim Kinderfest oder beim Flohmarkt das Heft in die Hand nehmen. Und vom Podium haben Hunderte von einem »Fridays for Future«-Aktivisten gehört, dass der Krieg und seine Vorbereitung Klima- und Umweltkiller Nummer eins ist.

Wie verlief der Antikriegstag in Hamburg?

Es macht Mut, dass diesmal Gewerkschaften verstärkt aufgerufen und mobilisiert haben, auch wenn sie noch weit unter ihren Möglichkeiten blieben. Die DGB-Erklärung zum 80. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges haben wir hier in Hamburg ergänzt um unsere Forderungen nach Rüstungsexportstopp über den Hafen, Konversion der Rüstungsproduktion in Hamburg und Umland und der Forderung an Senat und Bürgerschaft, endlich dem ICAN-Städteappell beizutreten (ICAN, International Campaign to Abolish Nuclear weapons – Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen ruft Städte dazu auf, den Vertrag zum Verbot von Atomwaffen zu unterstützen, jW).

Holger Griebner ist in verschiedenen Hamburger Friedensgruppen aktiv

hamburgerforum.org

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