Gegründet 1947 Donnerstag, 14. November 2019, Nr. 265
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 27.08.2019, Seite 4 / Inland
Ein Jahr nach rechten Aufmärschen

Chemnitz gedenkt Daniel H.s

Ein Jahr nach tödlicher Auseinandersetzung versammeln sich Tausende Teilnehmer zu antirassistischen Kundgebungen
Von Marc Bebenroth
Chemnitz_ein_Jahr_da_62436102.jpg
Antifaschistischer Anspruch: Teilnehmer einer Protestveranstaltung forderten am Sonntag ein entnazifiziertes Chemnitz

Am Montag jährte sich der Tod von Daniel H. in Chemnitz zum ersten Mal. Neonazis sind seit dessen Tötung darum bemüht, mit Aufmärschen die Tat für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Die rassistische Gruppe »Pro Chemnitz« hatte für den 25. August zu einer Kundgebung aufgerufen, für die im Vorfeld nach Angaben der Stadt 1.000 Teilnehmer erwartet wurden, wie Zeit online am Sonntag berichtete. Tatsächlich hatten die Gegenveranstaltungen von Nazigegnern wesentlich mehr Zulauf.

Nach amtlichen Angaben folgten dem Aufruf von »Pro Chemnitz« immerhin 450 Neonazis, wie der MDR (Onlineausgabe) am Sonntag abend berichtete. Ein 19jähriger sei verhaftet worden, nachdem er den Hitlergruß am Versammlungsort gezeigt habe. Gegen ihn werde dem Sender zufolge ein beschleunigtes Verfahren eingeleitet. Auch gegen den Versuch, Kerzen für Daniel H. in der Brückenstraße aufzustellen, sei die Polizei eingeschritten. Der Tatort solle nicht durch Versammlungen instrumentalisiert werden, hieß es.

Dem Bericht zufolge fanden Protestkundgebungen, die vom Bündnis »Chemnitz nazifrei«, von »Aufstehen gegen Rassismus« und anderen Initiativen organisiert wurden, statt. In der Innenstadt hätten sich laut MDR am Sonntag abend 400 Antirassisten eingefunden. Über die unmittelbaren Gegenproteste hinaus kamen nach Gewerkschaftsangaben zusätzlich gut 7.500 Menschen in die Chemnitzer Innenstadt. Dort richtete der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ein großes Sommerfestival aus.

Damit habe die Stadt »einmal mehr« gezeigt, dass in der Bevölkerung ein großer Teil »von politisch bewussten Menschen den Rechtsextremen widerspricht«, erklärte Ralf Hron, Regionsgeschäftsführer des DGB Südwestsachsen, am Montag im Gespräch mit junge Welt. Zudem zählte das neue Bürgerfest »Herzschlag« nach Angaben der Organisatoren von Freitag bis Sonntag rund 67.000 Besucher, wie NTV am Montag berichtete. Es soll demnach auch im nächsten Jahr wieder stattfinden. Dies habe der eigens für diese Veranstaltung gegründete Verein beschlossen, wie Sprecher Sebastian Thieswald der dpa am Sonntag mitteilte. Festivals wie die am Sonntag in Chemnitz seien »die stärkste Antwort« auf die Ereignisse 2018 infolge des Todes von Daniel H., zitierte der Sender die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD).

Ähnliche:

  • Mobilisierungspotential bis weit in die Mitte der Gesellschaft h...
    14.08.2019

    »Unsere« Frauen

    Vorabdruck. Der Fall Kandel. Rassistische Mobilisierungen im Namen der Frauenrechte
  • Zehn Tage nach dem großen Konzert: Hunderte Chemnitzer verfolgen...
    17.05.2019

    Antirassismus als Feindbild

    Sachsen: Debatte über Verfassungsschutz nach Aussagen zu Chemnitzer Konzert
  • »Besorgte Bürger« und »Asylkritiker« beim sogenannten Trauermars...
    21.09.2018

    Deutsche Zustände

    Die Chemnitzer Hetzjagd hat eine Vorgeschichte. Neonazis und andere Rassisten sind im Freistaat seit langem bestens organisiert

Regio: