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Aus: Ausgabe vom 26.08.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Kinder in Armut

Ideologie und Realität

Neue Qualität der Ausgrenzung: Michael Klundt hat ein Buch über arme Kinder im »reichen« Deutschland geschrieben
Von Karola Schramm
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Für manchen Wirtschaftsliberalen ist der Suppenteller immer halb voll

Gegenwärtig wird in vielen Medien über Kinderarmut geschrieben oder gesprochen. Und zwar oft so, dass der Eindruck entstehen könnte, hier handele es sich um ein ganz neues Phänomen. Das stimmt aber nicht. Und doch hat sie, zumindest in Europa und speziell in der Bundesrepublik, eine neue Qualität. Sie sei, schreibt Michael Klundt in seinem Buch »Gestohlenes Leben«, anders als »Armut im Mittelalter« oder nach dem letzten Weltkrieg: »Kinderarmut in Deutschland heute bedeutet Armut in einem der reichsten Länder dieser Erde.« Klundt begibt sich auf die Spur der Ursachen von Kinderarmut in der deutschen Gegenwartsgesellschaft, wobei er sich, auch international vergleichend, mit dem allgemeinen Forschungsstand zu »Kinderarmut im Kontext des gesellschaftlichen Reichtums« auseinandersetzt.

In der BRD gehe es, so Klundt, nicht vorrangig um die sogenannte absolute Armut oder »absolutes Elend und Verhungern«, sondern eher um »Entbehrungen, Ausgrenzungen und Benachteiligungen im Verhältnis zum allgemeinen gesellschaftlichen Lebensstandard«. Dazu komme eine spezielle Form der ideologischen Verarbeitung: Die Art des Redens über arme Kinder und ihre Familien sei besonders bedenklich, weil dabei am Ende »Erklärungen« herauskämen, nach denen die Betroffenen »selber schuld« oder einfach »asozial« seien. Und dann steht eben nicht die Bekämpfung der Armut, sondern die Bekämpfung der Armen im Vordergrund.

Journalisten, Wissenschaftler und Meinungsmacher, so Klundt, leisten hier ihren Beitrag durch ihre mal demonstrative und mal verdeckte »wohlstandschauvinistische Einstellung«. Dabei wird auch über Bande gespielt. Die Eiseskälte etwa, mit der auf die infolge von Wirtschaftskrise und Kürzungspolitik gestiegene Kindersterblichkeit in Griechenland reagiert wurde und wird, hat auch Folgen für die deutsche Debatte. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) befand, dass »Tafeln kein Hinweis auf zunehmende Armut sind«; und laut Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat »jeder das, was er zum Leben braucht«.

Offensichtlich ist es so, dass (nicht nur) in Sachen Kinderarmut Politik, Medien und große Teile der Wissenschaft einander sekundieren, um die Tragweite und Tragik dieser speziellen Armut zu vertuschen und zu bagatellisieren. Den Kontrast zwischen Realität und »öffentlicher Meinung« belegt Klundt, der Professor für Kinderpolitik an der Hochschule Magdeburg-Stendal ist, in seinem Buch ausführlich.

2011 behauptete der damalige Chefredakteur des Handelsblatts, Gabor Steingart, dass Deutschland »immer sozialer« werde. Er zog einen Teil der bundesweiten Ausgaben für den Bereich Jugendhilfe heran, um seine Ansicht zu stützen: »Die Kundschaft des deutschen Sozialstaates erfährt eine Fürsorglichkeit, wie wir sie sonst nur bei den Großfamilien der Urvölker antreffen, wo einer den anderen füttert. Man betrachte nur den steigenden Ausgabenposten staatliche Erziehungshilfe. (…) Die Erziehungshelfer, die in manchen Kommunen auch Familienhebammen genannt werden, greifen überall dort ein, wo Kinder hungrig, verstört oder verlottert in der Schule erscheinen oder gar nicht.«

Klundt verweist darauf, dass derartige, von Steingart als übertriebene »Fürsorglichkeit« denunzierte Maßnahmen viele »schlimme Fälle von Kindeswohlgefährdung präventiv verhindern«. Das blende »der wirtschaftsliberale Journalist« einfach aus. Komme es jedoch zu Kindesmisshandlungen, würden diese regelmäßig von vielen Medien zum Anlass genommen, die »Jugendämter und ihre Fachkräfte dafür verantwortlich zu machen, während Politiker das Jugendhilfe-Personal seit Jahren abgebaut« und gleichzeitig deren Aufgabenspektrum erweitert haben.

»Eigentlich«, so schreibt Klundt weiter, »geht es Steingart gar nicht um die betroffenen Familien, sondern nur um die – angeblich – von ihnen verursachten Kosten.« Soziale Probleme und die Überforderung vieler Familien würden als weitgehend individuell verschuldet dargestellt, gesellschaftliche Ursachen spielten keine Rolle. Wo die liegen, hat Klundt in seinem aufrüttelnden Buch nachgezeichnet. Er liefert und analysiert viel statistisches Material, lockert diesen trockenen Stoff mit zahlreichen Fallgeschichten auf. Dem Buch sind viele Leser zu wünschen.

Michael Klundt: Gestohlenes Leben. Kinderarmut in Deutschland. Papyrossa, Köln 2019, 197 Seiten, 14,90 Euro

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