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Aus: Ausgabe vom 24.08.2019, Seite 8 / Ansichten

Völkerentzweier des Tages: »Soziale Netzwerke«

Von Sebastian Carlens
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Die »sozialen Netzwerke« des Westens werden chinesenfrei – zumindest, wenn solche Nutzer eine Meinung haben und die Frechheit besitzen, diese zum Ausdruck zu bringen. Es seien rund 200 Youtube-Konten, ein gutes Dutzend Facebook-Profile sowie ganze 200.000 Twitter-Accounts gesperrt worden, teilten die Unternehmen mit. Das Vergehen der Gebannten: Kritik an der Hongkonger »Demokratiebewegung«. Es sei »politischer Streit gesät« worden, so Twitter. Für die ARD-»Tagesschau« ist das logisch: Die Netzwerke »werden immer wieder dazu missbraucht, um Desinformation zu verbreiten«, so der öffentlich-rechtliche Sender auf seiner Webseite.

In der Tat: Die AfD ist durch solche Kampagnen erst groß geworden, Donald Trump brachte es mit der Fake-News-Masche zum US-Präsidenten – gesperrt wurde keiner von ihnen. Wenn sich aber ein Chinese erdreistet, seine von US-Regierung und Auswärtigem Amt abweichenden Ansichten zur Randale in der früheren britischen Kolonie zum Ausdruck zu bringen, kann es sich nur um »China-Propaganda« (tagesschau.de) handeln. Chinesen machen eben China-Propaganda. Gelbe Gefahr. Die Welt ist manchmal sehr einfach.

Alle drei besagten Konzerne sind auf dem chinesischen Markt gesperrt. Eine »Desinformation« für die chinesische Öffentlichkeit auf diesem Wege wäre also widersinnig. Vielleicht aber sollten Hongkong-Chinesen, die Twitter, Facebook und Youtube benutzen können, negativ beeinflusst werden? Wären die inkriminierten Beiträge dann nicht eher auf englisch oder in den dort gebräuchlichen, traditionellen chinesischen Zeichen geschrieben worden?

Wenn noch jemand Zweifel hat, warum diese Netzwerke in China nicht erlaubt sind: Darum. Weil sie Kampfinstrumente des Westens sind. Rassistische Hetze, Nazipropaganda, Kriegstreiberei – das geht regulär in Ordnung. Chinesen, die eine eigene Meinung haben, sind hingegen gefährlich.

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (24. August 2019 um 13:01 Uhr)
    Brillanter Artikel!

    Ein Journalist verglich dieser Tage die modernen westlichen Massenmedien mit dem Ersten Stand, also dem Klerus, der Feudalgesellschaft. Wie jener die Untertanen mit Höllenfeuer bedrohte, wenn sie die feudale, gottgewollte gesellschaftliche Hierarchie bedrohten, so predigen diese den Untergang der westlichen Wertegemeinschaft, sollten sich die Völker der Welt ein Beispiel am aufstrebenden Sozialismus chinesischer Prägung nehmen und ihr Schicksal ebenso resolut in die eigenen Hände nehmen.

    Was also gepredigt wird von den Kanzeln der selbsternannten Vierten Gewalt, bestimmen Eigentumsrechte und Verfügungsgewalt über die Medien. Nichts macht die Struktur dieses Machtverhältnisses über die Köpfe der Menschen sinnbildlicher als der Umstand, dass die mächtigsten Medienkonzerne darüber bestimmen, was wer zu sagen zu glauben hat.

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