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Aus: Ausgabe vom 24.08.2019, Seite 7 / Ausland
Niederlande

Arme unerwünscht

Rotterdam will mehr schicke Eigentumswohnungen – und verdrängt Sozialmieter
Von Gerrit Hoekman
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Vom schmuddeligen Hafen zur hippen Metropole mit Wohnraum für Besserverdienende: Das niederländische Rotterdam (27.9.2018)

Das Baudezernat der niederländischen Stadt Rotterdam gibt vor, mehr Sozialwohnungen zu haben, als es in Wirklichkeit gibt. Dazu erhöhte die Behörde die Obergrenze für den Preis von Eigentumswohnungen, die sich Geringverdiener angeblich noch leisten können, von 140.000 Euro auf 220.000 Euro. Das berichtete am Mittwoch die Tageszeitung Trouw. Um mehr teure Wohnungen bauen zu können, stelle die Gemeinde Rotterdam ihren Bestand an Sozialwohnungen zu positiv dar. »Das geht auf Kosten der weniger gesegneten Einwohner.«

In den Niederlanden bestimmen die Baudezernenten anhand der Statistiken, in welchem Preissegment die Nachfrage das Angebot am meisten übersteigt. Auf dieser Analyse basieren dann die Abbruch- und Baupläne. »Stehen in einer Gemeinde viele preisgünstige Wohnungen zur Verfügung, dann dürfen die Stadtentwickler teure hinzubauen«, erklärt Trouw das Prinzip. Und umgekehrt: »Ein Überschuss an Villen führt zu einem Telefonanruf des Dezernenten bei den Wohnungsbaugenossenschaften.«

Der Anteil an Sozialwohnungen war in Rotterdam schon immer groß. Heute gelten 44 Prozent der Einwohnerhaushalte als Geringverdienende, ihr Einkommen liegt also maximal bei 38.000 Euro brutto im Jahr. Der Anteil sei höher als in den anderen Großstädten des Landes, heißt es in der Ende 2016 veröffentlichten Studie »Woonvisie Rotterdam«, in der die kommunalen Stadtentwickler ihre Prognose für das Jahr 2030 darlegten.

In den letzten Jahren ist aus dem schmuddeligen Hafen eine hippe Metropole geworden, die Stadt an der Maas ist »in«. Besonders junge Leute zieht es nach Rotterdam, um dort zu studieren oder in aufstrebenden Startups zu arbeiten. In keiner anderen Großstadt in den Niederlanden ist der Anteil der Einwohner im Alter zwischen 20 und 35 Jahren so hoch. Sobald sie zu Geld gekommen sind, wandern sie aber wieder ab in den Speckgürtel. Die Stadtverwaltung würde diese Entwicklung gerne umkehren und die Besserverdienenden mit schicken Wohnungen zum Bleiben bewegen. »Dazu ist ein größerer Vorrat an mittelteuren und teuren Wohnungen nötig«, heißt es schon in der »Woonvisie Rotterdam«. Sie fordern den Bau von 36.000 neuen Einheiten für Besserverdienende.

Dafür braucht es freien Grund und Boden. Wie das Internetportal Schiedam 24 berichtet, gibt es in der Stadt schon seit Jahren Pläne, 20.000 alte Wohnungen abzureißen. Vor allem in Rotterdam-Zuid sollen demnach an deren Stelle vor allem Eigentumsappartements entstehen. Insgesamt könnten auf diese Weise bis zu 15.000 günstige Wohnungen verschwinden. Im alten Arbeiterviertel Afrikaanderwijk wehren sich bereits Dutzende Bewohnerinnen und Bewohner vor Gericht gegen den Abriss einer ganzen Häuserzeile mit 535 Sozialwohnungen, wie der Lokalsender RTV Rijnmond am 14. August berichtet hatte.

Kritik an ihren Tricksereien weist die Stadtverwaltung zurück. Ihre Rechnung: Bei einem Einkommen von 38.000 Euro brutto im Jahr, womit man in den Niederlanden gerade noch als Geringverdiener gilt, müsste ein Haushalt etwa 720 Euro im Monat für die Hypothek aufbringen. Das sei exakt die Summe, die maximal als Miete für eine »Sozialwohnung« genommen werden dürfe. Peter Boelhouwer von der Technischen Universität in Delft bestreitet das. »Kaufen mit einem Einkommen von 38.000 Euro ist in einer Großstadt eigentlich nicht mehr möglich«, verweist er in der Trouw auf die rasant gestiegenen Immobilienpreise.

»Viele Rotterdamer haben ein niedriges Einkommen. Man kann die Existenz dieser Gruppe vielleicht leugnen, aber sie wollen trotzdem irgendwo wohnen«, kommentierte eine Vertreterin der Wohnungsbaugenossenschaft Woonstad Rotterdam. Dem Baudezernat wäre es am liebsten, wenn die Armen in die Nachbargemeinden zögen, nach Hellevoetsluis oder Krimpen aan den IJssel. Dort wohnen jetzt viele Wohlhabende, die aus Rotterdam weggezogen sind. Diese Gemeinden könnten für das soziale Gleichgewicht noch ein paar Arme vertragen, findet man in Rotterdam.

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