Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 24.08.2019, Seite 5 / Inland
Agrarwirtschaft

Ernteausfälle wegen Dürre

Wetterextreme setzen Erträgen zu. Subventionspraxis der EU und wachsender Einfluss von Investoren schaden der Umwelt
Von Bernd Müller
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Getreideernte in Lützow, Mecklenburg-Vorpommern (6.8.2019)

Dürre, Starkregen, Hitze: Die deutschen Bauern haben auch in diesem Jahr die zunehmenden Wetterextreme zu spüren bekommen. Am Freitag stellte der Deutsche Bauernverband (DBV) in Berlin die Erntebilanz für dieses Jahr vor und beklagte Ausfälle. »Die Klimaveränderungen spüren wir«, sagte Verbandspräsident Joachim Rukwied.

Im Schnitt sei die Getreideernte in diesem Jahr um rund sechs Prozent niedriger ausgefallen als im Mittel der Jahre 2013 und 2017. In vielen Gebieten habe es schlicht nicht ausreichend geregnet. Besonders in Mittel- und Ostdeutschland sowie in Teilen des Nordens habe es erneut zuwenig Niederschläge gegeben. In diesen Regionen seien die Ernteerträge besonders schlecht, während sie etwa in Bayern und Baden-Württemberg durchschnittlich ausfielen.

Auch der Obst- und Gemüseanbau gestaltet sich den Angaben nach schwierig. Auch hier setzten den Bauern Extremniederschläge, viele Hitzetage und Trockenheit zu. Je nach Sorte fielen die Ernteergebnisse unterschiedlich aus: Der Ertrag an Erdbeeren sei rückläufig gewesen, bei Süßkirschen habe es einen Anstieg gegeben.

Rukwied rief die Politik zu Hilfe. »Das Witterungsrisiko, das immer größer wird, liegt beim Landwirt«, sagte er laut Reuters. Die Betriebe sollten von einem Teil der Steuerlast befreit werden, der Staat solle Anschubkapital für den Aufbau einer Versicherung bereitstellen, mit der sich die Bauern gegen solche Risiken absichern könnten.

Untätig war der Staat allerdings nicht. Landwirtschaftliche Betriebe, die aufgrund des ausbleibenden Regens in finanzielle Nöte geraten sind, haben laut dpa inzwischen rund 228 Millionen Euro an Beihilfen erhalten. Die größte Einzelsumme aus dem Bund-Länder-Programm sei demnach mit Stand vom 31. Juli auf Brandenburg mit fast 70 Millionen Euro entfallen. Bund und Länder hatten Hilfen von jeweils bis zu 170 Millionen Euro zugesagt.

Zu schaffen machten den Landwirten aber nicht nur die Folgen der Klimaveränderungen, sondern auch Personalengpässe. Der DBV appellierte deshalb, den Arbeitsmarkt in der Landwirtschaft zu öffnen. Es sollten wirksame Abkommen für die Beschäftigung von Saisonarbeitskräften abgeschlossen werden, die aus nicht zur Europäischen Union gehörenden Ländern stammten.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter appellierte an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), endlich eine umfassende Ackerbaustrategie vorzulegen. Viele Bauern stünden schon das zweite Jahr in Folge vor einer existenzbedrohenden Situation, während Klöckner »mit leeren Händen dasteht«, so Hofreiter in der Neuen Osnabrücker Zeitung vom Freitag. Nach dem Dürresommer im letzten Jahr habe das Ministerium schon alle Register ziehen müssen, so Hofreiter, »um schnell einen Plan für einen zukunftsfähigen, klimarobusten Ackerbau vorzulegen«. Darüber hinaus forderte er, dass die Bauern von der Mais- und Weizenmonotonie wegkämen und Vielfalt auf den Acker brächten.

Dass dies bislang nicht geschehe, dürfte auch mit den Strukturveränderungen in der Landwirtschaft zu tun haben, wie das Handelsblatt am Freitag schrieb. Die Landwirtschaft sei längst zu einem Anlageobjekt von Investoren geworden (siehe jW vom 28.6.2019). Niedrige Zinsen und der Anbau von Energiepflanzen für Biogasanlagen hätten demnach Agrarflächen in lukrative Investmentgelegenheiten verwandelt. Dem Bericht zufolge habe Andreas Tietz vom bundeseigenen Thünen-Institut (TI) für ländliche Räume gesagt, wenn Investoren Boden kauften, trieben sie die Preise in die Höhe und verdrängten so vielmals regionale Bauern. »Die hohe Preise sind ein großes Problem, Landwirte können sie aus ihren Erträgen nicht erwirtschaften. Vielseitige Betriebskonzepte werden so ins Abseits gedrückt«, erklärte Tietz. Oftmals gewinne derjenige den Preiskampf, der die Renditen mit bodenschädlichen Monokulturen zu maximieren versucht.

Ein Grund dafür sei die investorenfreundliche Subventionspraxis der Europäischen Union. Berechnungen des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hätten ergeben, dass die 80 Prozent der Höfe mit den geringsten Einkommen nur 25 Prozent der Direktzahlungen bekämen. Die zehn Prozent mit den höchsten Einkommen erhielten hingegen 55 Prozent.

Daran dürfte sich ach in Zukunft nicht viel ändern. Nicht umsonst stehe der Vorwurf im Raum, dass der Bauernverband selbst vor allem die Interessen der großen Betriebe vertrete. Verbandspräsident Rukwied beteuere zwar öffentlich das Gegenteil, doch ein namentlich nicht genannter »hochrangiger Beamter der Bundesregierung« habe gesagt: »Die mächtigen Betriebe, oftmals Investoren, sagen dem Verband schon, welche Position er einzunehmen hat.« Und wenn das Landwirtschaftsministerin etwas an der Subventionspraxis ändern wolle, sei der DBV »direkt am Hörer und sorgt schon dafür, dass sie das lässt«, habe demnach das Handelsblatt am Donnerstag von einem Insider erfahren.

Hinweis: Andreas Tietz vom bundeseigenen Thünen-Institut (TI) für ländliche Räume bat nach Veröffentlichung des von uns zitierten Beitrags im Handelsblatt, eine Aussage seinerseits zu ändern. Dieser Bitte ist auch junge Welt nachgekommen.

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