Gegründet 1947 Freitag, 20. September 2019, Nr. 219
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 23.08.2019, Seite 2 / Inland
Bundeswehr auf der »Gamescom«

»Armee nutzt Begeisterung für Technik aus«

Alles andere als ein Spiel: Bundeswehr wirbt auf Messe »Gamescom« um junge Rekruten. Kriegsgegner halten dagegen. Gespräch mit Michael Schulze von Glaßer
Interview: Markus Bernhardt
Bundeswehr_auf_der_G_58467241.jpg
»Und hier ist der Abzug«: So könnte man sich Gespräche am Bundeswehr-Stand auf der »Gamescom« vorstellen (Köln, 23.8.2018)

Am Sonnabend geht die diesjährige »Games­com« in Köln zu Ende, die insgesamt von mehreren hunderttausend Menschen besucht wurde. Worum handelt es sich bei dieser Veranstaltung?

Die »Gamescom« ist eine Messe für Videospiele und Gaming-Kultur. Es werden die neuesten Spiele und die neuste Hardware vorgestellt. Drumherum gibt es ein buntes Programm für die zumeist jungen Besucherinnen und Besucher – beispielsweise einen Kostümwettbewerb und ein Camp.

Ihre Organisation kritisiert seit jeher die Teilnahme der Bundeswehr an der Messe. Was werfen Sie der deutschen Armee vor?

Sie passt nicht auf eine Spielemesse und hat mit Gaming nichts zu tun. Die Bundeswehr ist ein fachfremder Aussteller, der die Technikbegeisterung und Offenheit junger Menschen ausnutzt, um sie für den ganz realen Dienst an der Waffe zu gewinnen. Dabei biedern sich die Olivgrünen dem bunten Publikum in diesem Jahr mit zielgruppengerechten Sprüchen an, wie »Singleplayer oder Kamerad« oder »Pay2Win vs. echte Skills?« Rund 400 Plakate sind damit gerade im Kölner Stadtgebiet zu finden. Die Armee macht den jungen Menschen auf der Messe viele Versprechen, die sie dann nicht halten kann.

Welche sind das?

Es gibt beispielsweise gerade einen Offiziersstau, was eine »Karriere« im Militär erschwert. Zudem wird die Einsatzrealität in der Werbung ausgeblendet und der Dienst im Militär entpolitisiert.

Die übergroße Mehrheit der Messebesucher scheint mit der Teilnahme der Bundeswehr keine Probleme zu haben. Ist es nicht folgerichtig, dass die Soldaten auf einer Messe präsent sind, bei der auch für sogenannte Ballerspiele geworben wird?

In den »sozialen Medien« gibt es durchaus viel Kritik. Der Unmut richtet sich vor allem gegen die Betreibergesellschaft der Kölner Messehallen: Aus Profitgier werden die jungen Besucherinnen und Besucher den Ködern der Armee ausgesetzt. Darauf fallen viele aber nicht rein – Videospielerinnen und -spieler sind nicht dumm. Sie können sehr wohl zwischen virtuellem Spiel und tödlicher Realität unterscheiden. Die »Ballerspiele« von heute erzählen teilweise tiefgehende Geschichten. Es gibt sogar militärkritische Spiele – der Begriff »Ballerspiele« ist eher veraltet.

Dennoch ist ein Großteil der »Games­com«-Besucherinnen und -Besucher sicher zunächst überrascht, dass die Armee auf der Messe ist. Daher ist es wichtig, über deren Interessen aufzuklären. Aktive der DFG-VK waren seit Mittwoch vor Ort, verteilten Informationen und forderten gemeinsam mit jungen Leuten ein Ende der Bundeswehr-Präsenz auf der Messe. Frei nach dem Motto: »Bundeswehr? Game over!«

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen sogenannten Ballerspielen, Militäreinsätzen und einer Verrohung der Gesellschaft?

Auch wenn einem einige Medien einen anderen Eindruck vermitteln: Die deutsche Gesellschaft ist im Vergleich zu vorherigen Jahrzehnten so friedlich und gewaltfrei wie nie. In wissenschaftlichen Studien kann kein eindeutiger Zusammenhang zwischen virtueller Gewalt und real ausgeführter Gewalt festgestellt werden. Vielmehr führt eine Mischung von Faktoren zu Verrohung und gewalttätigen Handlungen: etwa Pers pektivlosigkeit, Frustration und Provokation.

Im übrigen sind viele Spiele mit gewalttätigem Inhalt in Deutschland »ab 18« – die Bundesregierung und die Armee halten aber eisern an einem Einstellungsalter von 17 Jahren für die Bundeswehr fest. Die deutsche Armee bildet schon Minderjährige dazu aus, Menschen zu töten. Das ist der eigentliche Skandal.

Auch der sogenannte Verfassungsschutz hat in diesem Jahr an der Messe teilgenommen. Wird die »Gamescom« immer mehr zu einem Tummelplatz für Soldaten und Geheimdienstler?

Über 350.000 Menschen werden voraussichtlich auch in diesem Jahr auf der Videospielmesse gewesen sein, ein Großteil davon im jugendlichen Alter. Das ist der durchaus nachvollziehbare Grund für fachfremde Aussteller, auf der Messe Präsenz zu zeigen – und der Messebetreiber verdient an jedem verkaufen Quadratmeter Ausstellungsfläche. Doch ob so etwas im Umgang mit jungen Menschen auch angemessen ist, ist eine andere Frage.

Michael Schulze von Glaßer ist politischer Geschäftsführer der »Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen« (DFG-VK) und Beirat der »Informationsstelle Militarisierung« (IMI)

Ähnliche:

  • Besucher der Gamescom im August 2016
    25.08.2017

    »Make Games, not War«

    Aktivisten warnen vor Rüstungskooperation und Armeewerbung bei Spielemesse in Köln
  • Präsentation des mittlerweile vom »Kommando Spezialkräfte« genut...
    16.03.2017

    Virtuelle Welten, reale Kriege

    Der militärisch-unterhaltungsindustrielle Komplex ist ein unauffälliger, aber einflussreicher Akteur in sicherheitspolitischen Debatten. Unternehmen aus der Videospielbranche und der Rüstungsindustrie sind teilweise eng miteinander verflochten

Regio: