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Aus: Ausgabe vom 21.08.2019, Seite 8 / Ansichten

Agenda-2010-Apologet des Tages: Martin Brudermüller

Von Simon Zeise
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BASF-Vorstand Martin Brudermüller bei einer Pressekonferenz (Ludwigshafen, 20.1.2018)

Drei Seiten hatte das Handelsblatt am Montag dem Vorstandsvorsitzenden von BASF, Martin Brudermüller, spendiert. Wenn Manager ein »großes Interview« geben, haben sie in der Regel Mist gebaut. Brudermüller muss in die Offensive gehen, der Chemiekonzern hat schlechte Zahlen vorzuweisen. Um 300 Millionen Euro in die Bilanz zu spülen, müssen 6.000 Mitarbeiter gehen. Doch dem Chef ist das nicht genug. Weitere 1,7 Milliarden Euro müssen »erwirtschaftet« werden.

Der Weg zum Ziel? Nicht nur die Löhne im Konzern, sondern auch die in der übrigen Gesellschaft senken. »Die Bundesregierung sollte an eine neue Agenda 2010 denken«, meinte er. Das sei aus seiner Sicht eine der besten Initiativen der Nachkriegszeit. »Die Sozialstaatsreformen hatten einen langen Nachhall und einen erheblichen Anteil daran, dass es Deutschland heute wirtschaftlich so gut geht«, glaubt Brudermüller. Er sei »von Natur aus Optimist«. Trotzdem mache er sich »große Sorgen um den Standort Deutschland«. In Hongkong habe er die »asiatische Dynamik« erlebt – die Stadt ist das Mekka des Liberalismus. In der früheren britischen Kronkolonie leben 20 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, gleichzeitig drängeln sich nirgendwo anders auf der Welt mehr Millionäre.

Applaus spendete die FDP. »Die von BASF-Chef Brudermüller geforderte wirtschaftspolitische Agenda ist lange überfällig«, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der Liberalen, Reinhard Houben, dem Handelsblatt vom Dienstag. Mit der Agenda 2010 ist zudem Gras über das einst angespannte Verhältnis zu den Ökos gewachsen. »Die Kommunikation zwischen Chemieindustrie und Grünen war lange eher feindselig und aggressiv geprägt«, erinnert sich der Konzernlenker. Doch heute sieht das anders aus. Der Einladung zur Mitarbeit im Wirtschaftsrat der Partei sei er gerne gefolgt.

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