Gegründet 1947 Donnerstag, 19. September 2019, Nr. 218
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 21.08.2019, Seite 5 / Inland
Autoindustrie

SUV-Fasten für Verkehrswende

Umwelthilfe fordert Verkaufsstopp von Geländewagen und Ausstieg aus Verbrennungsmotoren bis 2025
Von Efthymis Angeloudis
Umweltbundesamt_Auto_62235488.jpg
Die neuesten SUVs passen nicht mehr in die Parkbuchten und belegen oft zwei Parkplätze

Grenzenlose Freiheit – ob durch den Schlamm, übers Watt oder in der City: Ein Stadtgeländewagen kann einen überall hinbringen, und gut sieht man dabei sowieso aus. Das ist das Versprechen der deutschen Hersteller, und es scheint zu wirken – SUVs gehen weg wie warme Semmeln: Hatten Sport Utility Vehicles, wie die Geländewagen auf Englisch heißen, 2005 noch einen Marktanteil von zwei Prozent, beträgt ihr Anteil im Privatsegment nun 41,8 Prozent. Dafür mag es verschiedene Gründe geben: Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter und mit ihr muss anscheinend auch der Abstand zwischen Fahrbahn und Karosserie wachsen, damit die Insassen der Edelboliden auch ein gutes Stück höher als alle anderen sitzen.

Für die Deutsche Umwelthilfe (DUH) ist der Siegeszug des SUV ein Resultat der verfehlten Modellpolitik der deutschen Autoindustrie. Der Geschäftsführer der Umwelthilfe, Jürgen Resch, sagte am Dienstag in Berlin, es gebe derzeit nur wenige rein elektrische Fahrzeuge auf dem Markt. Die DUH verurteilte vor allem, dass die deutschen Autokonzerne wie nie zuvor auf klimaschädliche »Monster-SUVs« setzen. Sie lieferten sich einen regelrechten Wettbewerb um das größte Modell. Mercedes hat zuletzt mit dem 5,21 Meter langen SUV den zuvor kurzzeitig größten BMW X7 überholt und dabei eine absurde Innovation präsentiert: Der GLS sei zu breit für Waschstraßen – und kann deswegen seine Räder dort nach innen einknicken.

Die Fixierung auf SUVs stürze Deutschland nicht nur in einen »Klimakollaps«, sondern auch in ein »industriepolitisches Desaster«. Der Niedergang der deutschen Autoindustrie zeige sich an der nahezu kompletten Absage internationaler Autobauer für die ehemals weltgrößte Automesse IAA in Frankfurt. Dass immer weniger und vor allem kaum innovative Firmen auf der Messe vertreten sind, zeige eindeutig »das zunehmende Desinteresse internationaler Automärkte an den veralteten und übermotorisierten Verbrennern«.

Aus diesem Grund stellte die DUH einen Zwölfpunkteplan für eine umweltfreundlichere Automobilindustrie vor. Darin fordert sie unter anderem einen Verkaufsstopp von besonders klimaschädigenden SUV-Modellen und entsprechende gesetzliche Vorgaben von der Politik. »Da die Autokonzerne von sich aus nicht umsteuern, fordern wir die Bundesregierung auf, den Ausstieg aus dem Verbrenner 2025 zu beschließen und so ein klares Signal an die Autokonzerne zu senden«, sagte Barbara Metz, stellvertretende Bundesgeschäftsführerin der DUH. »Immer größere und durstigere Geländefahrzeuge sind eine Kampfansage an die Mobilitätswende und sollten zukünftig dem Revierförster in Berchtesgarden vorbehalten sein«, fügte Resch hinzu.

Resch sagte, er habe Zweifel, dass sich in der deutschen Autoindustrie trotz vieler Ankündigungen, E-Autos auf den Markt zu bringen, etwas ändere. Die Bundesregierung müsse die Rahmenbedingungen ändern und die Hersteller zu einer »Radikalkur« zwingen. Dies soll durch höhere Emmissionsabgaben und durch Boni für sparsame Automobile ermöglicht werden. Halter spritfressender Geländewagen sollen statt dessen eine Prämie zahlen müssen. Metz erklärte, dass auch Käufer ein »Verbrennerfasten« machen müssten – eine Art Abstinenz von SUVs.

Norwegen, Dänemark, Frankreich und China hätten den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor bereits beschlossen. Damit dies jedoch auch in Deutschland erreicht werden könne, müsse »das konspirativ zwischen Industrie und Politik stattfindende Falschspiel bei den Spritverbrauchs- und CO2-Angaben ein Ende finden«. Verantwortlich dafür sei Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), der sich »von Vorstandszentralen fernsteuern lässt« und im Prinzip kaum von seinen CSU-Vorgängern im Verkehrsministerium zu unterscheiden sei. »Scheuers Versuch, die Busspuren mit Pkws und E-Scootern zu verstopfen, ist ein klassisches Ablenkungsmanöver, um von der wahren Notwendigkeit einer Mobilitätswende in der Stadt abzulenken und um zu verhindern, dass wir über eine Stärkung der kollektiven Verkehrsmittel sprechen«, urteilte Resch.

Debatte

  • Beitrag von Reinhard L. aus . (20. August 2019 um 21:32 Uhr)
    Mit Verlaub, nicht alle SUVs sind 100.000-Euro-Boliden, die 20 Liter pro 100 Kilometer verbrauchen. Es gibt auch welche, die nicht mehr kosten als ein VW Golf. Der Unterschied besteht darin, dass man dort höher sitzt als in den lange Jahre dominierenden Kompaktlimousinen des genannten Typs. Das macht das Ein- und Aussteigen bequemer und kommt insofern älteren Leuten zugute, und nach dieser Seite spiegelt der wachsende Marktanteil der SUV zunächst einmal die Alterung der deutschen Gesellschaft wider.

    Ich kann die SUV auch nicht leiden und habe jahrelang den Reflex geteilt, jeden ihrer Fahrer als Bonzen einzustufen. Nur zeigen mir Gespräche mit älteren Menschen durchaus nicht bonzenhaften Hintergrunds, dass es so einfach nicht ist. Der erhebliche Markterfolg einer rumänischen Marke, die nun wirklich keinerlei Angebefaktor transportiert, bestätigt m. E. diese Vermutung.

    Im übrigen sollte die über Jahre vom Toyota-Konzern gesponserte Deutsche Umwelthilfe vielleicht auch bei jW nicht mehr als Umweltverband gewürdigt, sondern als Lobbyorganisation für einen anderen Antrieb – den Hybridmotor – durchschaut werden, bei dem, welch ein Zufall, die Asiaten die Nase vorn haben. Über den ökologischen Beschiss der Hybridmotoren war erst vor wenigen Tagen etwas in jW zu lesen. Mit anderen Worten: kapitalistische Konkurrenz mit ökologischen Argumenten. Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, sagte Churchill.

Ähnliche: