Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 20.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Vielleicht in São Paulo

Doch eher Indierock: Aldos EP »Trembling Eyelids«
Von Alexander Kasbohm
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Vielversprechende Ansätze, wenig Zwingendes

Über die Band Aldo gibt es wenig Information. Eine Legende über einen Onkel Aldo, der der Namenspate sein soll, die auch – vermutlich mangels verlässlicher Fakten – überall brav abgedruckt wird. Hübsche Geschichte, tut aber nichts zur Sache. Deshalb schreibe ich sie auch nicht ab. Kann man eh überall lesen, wenn es einen interessiert. Man sagt, sie kämen aus São Paulo, sie könnten aber auch aus jedem anderen Ort kommen.

Der Song »Trembling Eyelids« wurde vorab veröffentlicht und machte einigermaßen neugierig, was da noch kommen mag. Also baute ich die neue EP in eine Playlist ein, auf dass mir kluge Worte aus dem Kopf purzeln mögen. Seltsamerweise lief die Platte aber mehrfach unbemerkt durch. Wie die Totzeit, in die man bisweilen eintaucht, wenn man ein und denselben Weg täglich geht, plötzlich aufschreckt und beim besten Willen keinen Schimmer hat, was in den letzten fünf Minuten passiert ist. Immer wenn die Musik aufhorchen ließ, war es zuverlässig das Stück, dass in der Playlist auf die EP folgte. So werden wir des Biestes also nicht Herr. Zwingen wir uns zur Aufmerksamkeit und versuchen es mit einer oldschoolmäßigen Stück-für-Stück-Rezension:

Der Opener »Trembling Eyelids« ist ein ziemlich guter Orgel-und-Bass-Groover. Die Nacht in der Stadt, Gleichzeitigkeit von Dystopie und trotzigem Hedonismus. Ein gelungenes Update dieser eigentümlichen Früh­achtzigerstimmung, die gleichzeitig von Zukunftsangst geprägt war und die Technik umarmte, den Augenblick feierte, als gäbe es kein Morgen. Für den Fall, dass es tatsächlich kein Morgen geben sollte.

Das zweite Stück »Ghosts« ist von der Stimmung her ähnlich, nur diesmal als ziemlich öder Indierock. Nicht schlecht gemacht. »Kompetent«, sagt man wohl, wenn man herablassend sein will. Für Leute, denen so was gefällt, bestimmt eine prima Sache. Aber die Frage nach dem »Warum?« und vor allem dem »Warum jetzt?« stellt sich schon.

»Papermaze« wird von einem tiefergehängten Kim-Deal-Peter-Hook-Bass getrieben, darüber ein blubbernder Oldschool-Synth und Falsettgesang. Das ist irgendwie ganz hübsch. Groovy Indierock, auf halbem Weg zwischen »Trembling Eyelids« und »Ghosts«, womit die Stärken und Schwächen schon ganz gut beschrieben sind. Aber, in dubio pro Aldo, eher auf der positiven Seite. Die EP endet mit »Craving«, shoegaziger Dreampop ohne besondere Eigenschaften, der prima als halbminütige Coda funktioniert hätte, aber leider viereinhalb Minuten lang ist.

Ein paar vielversprechende Ansätze sind da, aber wenig Zwingendes und wenig fokussiert. Vielleicht ergibt das alles irgendwo einen Sinn, vielleicht gibt es eine Parallelgesellschaft, in der Indierock nicht strukturell reaktionär ist, sondern das neue, spannende Ding. Vielleicht in São Paulo.

Hobbythektipp: Die EP auf »Trembling Eyelids« und »Papermaze« schrumpfen, dann langsam »Craving« einblenden und vor dem Gitarreneinsatz wieder ausblenden und man hat eine prima Single.

Aldo: »Trembling Eyelids« (Full Time Hobby)

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