Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 20.08.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
DIW-Studie

Überflüssig und zeitraubend

Die Qualifikation steigt. Die Produktivität sinkt. Das liegt möglicherweise an nutzlosen Tätigkeiten
Von Bernd Müller
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Nur etwa 44 Prozent der Arbeitszeit wird für die eigentlichen Aufgaben verwendet

Die deutsche Wirtschaft hat ein Problem ausgemacht: Zwar steigt die Qualifikation der Beschäftigten. Was sie in einer bestimmten Zeit leisten, halte damit aber nicht Schritt. Warum die Arbeitsproduktivität immer weniger wächst, hat nun das unternehmernahe Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) untersucht.

Studienautor Karl Brenke zufolge ist der seit Jahrzehnten andauernde Abwärtstrend beim Wachstum der Arbeitsproduktivität ein zentrales Problem entwickelter Volkswirtschaften. In Frankreich sehe es genauso aus wie in Deutschland, ebenso in Finnland. In den USA sei die Produktivität zwischendurch gewachsen, in jüngerer Zeit habe sie aber wieder stark nachgelassen.

An einer geringen Qualifikation der Arbeitskräfte liegt das nicht. Die sei im Gegenteil kräftig gewachsen. In Deutschland, der EU und anderen Industrieländern hätten immer mehr Beschäftigte einen akademischen Abschluss.

In der Bundesrepublik wachse auch der Anteil jener, die mit Abitur oder Fachhochschulreife die Schule beenden. 1993 seien es gut 25 Prozent gewesen, 2017 dagegen schon 37 Prozent. Diese Zahlen sind aber unvollständig, wie Brenke betont, denn die Berechtigung zum Besuch einer Hochschule werde oftmals in einer beruflichen Schule erworben. Vor fünf Jahren habe die Kultusministerkonferenz schon feststellen können, dass etwa die Hälfte eines Altersjahrgangs inzwischen eine Hochschulzugangsberechtigung habe.

Nachdem Brenke auch die unterschiedliche Entwicklung von wirtschaftlichen Sektoren, die Lohnpolitik und staatliche Subventionen als Hauptgründe für das sinkende Produktivitätswachstum ausgeschlossen hat, richtet er seinen Blick auf die »Bürokratisierung« des Wirtschaftslebens. Damit meint er nicht, dass die Wirtschaft unter zu vielen staatlichen Vorschriften ächze. Er beruft sich u. a. auf das Buch »Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit« des Anthropologen David Graeber. Dieser hatte herausgearbeitet, dass viele Jobs nur aus Tätigkeiten bestehen, die nutzlos sind. Sie verschaffen dem Vorgesetzten zwar mehr Ansehen, aber für das Unternehmen sind sie überflüssig.

Wofür die tatsächliche Arbeitszeit genutzt wird, spielt auch eine Rolle. Regelmäßige Umfragen in den USA hätten ergeben, »dass ein durchaus großer Teil der gesamten Arbeitszeit auf Tätigkeiten entfällt, die wenig mit den eigentlichen Aufgaben der Arbeitskräfte« zu tun haben. So wurde ein Sechstel der Arbeitszeit für E-Mails verwendet, fast 20 Prozent für Meetings, wobei die Hälfte als nutzlos eingestuft wurde. Elf Prozent der Zeit entfielen auf administrative Aufgaben. Am Ende wurde festgehalten, dass nur etwa 44 Prozent der Zeit für die eigentlichen Aufgaben verwendet wurden.

Für Deutschland gibt es keine solchen ins Detail gehenden Untersuchungen. Aber die Auswertung des DIW hat auch hier eine deutliche Verschiebung zu bürokratischen Jobs aufgezeigt: IT-Jobs und »Management- und Führungstätigkeiten sowie Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Anwendung von Gesetzen und Vorschriften«. Lediglich die klassischen Bürotätigkeiten, in deren Mittelpunkt Schreib-, Rechen- und Arbeiten in der Datenverarbeitung im Mittelpunkt standen, haben an Bedeutung verloren.

Brenke will sich am Ende nicht festlegen. Weil die Datenbasis für Deutschland noch nicht ausreichend ist, sei noch kein Nachweis erbracht, dass die zunehmende Bürokratisierung verantwortlich für das Sinken des Produktivitätswachstums ist. Deshalb empfiehlt er weitere Forschungen in diesem Bereich.

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