Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 19.08.2019, Seite 10 / Feuilleton

Von der Aufdeckung zur Auslöschung

Von Erwin Riess
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Bis zur Unkenntlichkeit verfremdet: Das Gelände des ehemaligen KZ Loibl-Nord

Sie waren den Weg zur Gedenkstätte des KZ Loibl-Nord hochgekeucht.

»Nur wer die Örtlichkeit kennt, kann sich vorstellen, was es für die unzulänglich gekleideten, übermüdeten, von Hunden und SS-Wachsoldaten bedrängten Häftlinge bedeutet haben muss, bei jedem Wetter, knietiefem Schlamm, meterhohem Schnee und bitterer Kälte in der Dunkelheit des Morgens zum Tunnelbau auszurücken und in der Dunkelheit der Nacht in die Baracken zurückzukommen – falls man die lebensgefährliche Arbeit im Stollen und die mordlustigen SSler überlebte, die sich einen Spaß daraus machten, Häftlinge, die über eine gedachte Linie hinaustraten, zu erschießen. Wer Holzstücke unter der Jacke ins Lager schmuggelte, um sich an einem Feuer zu wärmen, dem konnte es passieren, vor versammelten Lagerinsassen, Kapos und SSlern mit einem Schlauch, der mit Steinen gefüllt war, geprügelt zu werden. Die SSler nannten die Prügelexzesse ›Corridas‹. Und nur wer den 60 Meter hoch aufragenden Wald sieht, kann sich vorstellen, wie groß die Hartnäckigkeit des aus Innsbruck stammenden Pädagogikprofessors Peter Gstettner war, dem etwas in dem braunen Kärnten für unmöglich Gehaltenes gelang. Dank List, Überzeugungskraft und bewunderungswürdiger Beharrlichkeit gelang es ihm mit der Hilfe einiger weniger aufrechter Behördenmitarbeiter, das Gelände zu roden und die Reste des Lagers freizulegen. Er gab damit den Kärntnern einen Teil ihrer Geschichte zurück, einen Teil, den viele gerne unsichtbar gelassen hätten.

Seit 1995 kämpfen Gstettner und das von ihm mitbegründete ›Mauthausen-Komitee Kärnten/Koroska‹ dafür, dass auch auf Kärntner Seite des Loibl-Tunnels eine würdevolle Gedenkstätte für die aus Mauthausen geschickten Häftlinge errichtet wird. Auf der slowenischen Seite, wo sich das Südlager für die Tunnelarbeiter befand, wurden Mitte der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts eine Gedenkstätte und ein Denkmal errichtet. Man sollte annehmen, dass 65 Jahre später auch in Österreich eine Gedenkstätte auf der Höhe der Zeit möglich sein müsste.«

»Eine Schande«, murmelte der Dozent, fischte nach dem Notizblock in seinem Jackett und nahm eine Eintragung vor.

»Die Schande dauert an«, fuhr Groll fort. »Warten Sie die Rede Gstettners bei der Gedenkveranstaltung ab.«

Sie nahmen vor dem Zelt Platz und lauschten einer kämpferischen Rede des Pianisten Paul Gulda und Musikstücken, dargebracht von talentierten jungen Künstlern. Dann ergriff Professor Gstettner das Wort.* Er berichtete davon, dass die »Bundesanstalt Mauthausen Memorial« in Wien, die den Rechtszugriff auf das Areal des ehemaligen KZ hat, unter dem Mantel des Denkmalschutzes eine Behübschung des KZ-Geländes betreibt. »Dort, wo einst das Blut der Häftlinge den Boden tränkte, dort, wo einst im Geröll, Staub und Morast der Großbaustelle des Loibl-Tunnels kein Grashalm wachsen durfte, dort sät man jetzt eine Wiese aus und lässt Gras über die Sache wachsen! Auf dieser ›Wiese‹, wo vor fünf Jahren durch farbigen Schotter noch die Umrisse der KZ-Küchenbaracke und des KZ-Appellplatzes kenntlich gemacht waren, auf dieser hübschen Wiese haben Sie jetzt Platz genommen. Gleichzeitig wurde die übriggebliebene originäre Bausub­stanz durch eine Betonummantelung bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Eisengerüste sollen die ›Stabilität des Wohnens‹ im KZ symbolisieren, wo vormals windige Holzbaracken den Häftlingen als Unterkünfte dienten? Soll also das behübscht, begradigt und zubetoniert werden, was schon im Begriffe war, unsere Bewusstseinsschwelle zu überschreiten?

Unser Verein hegte bis voriges Jahr die Hoffnung, dass wir zumindest 75 Jahre nach der Befreiung den Nachkommen der Opfer eine würdige Gedenkstätte europäischen Formats präsentieren können.

Diese Hoffnung hegen wir heute nicht mehr. Im Gegenteil: Wir befürchten, dass die ›Bundesanstalt Mauthausen Memorial‹ auch in den kommenden Jahren ihr ›Durchgriffsrecht‹ auf die Gestaltung des Geländes dazu benutzen wird, bereits freigelegte Spuren zu verwischen, authentische Reste verschwinden zu lassen und die noch übriggebliebene originäre Bausubstanz bis zur Unkenntlichkeit zu verfremden.«

Nachdem Gstettner geredet hatte, breitete sich Betroffenheit im internationalen Publikum aus. Der Dozent schrieb in sein Notizbuch, immer wieder schüttelte er den Kopf.

* Statement von Peter Gstettner (Mauthausen-Komitee Kärnten/Koroska) bei der Internationalen Gedenkveranstaltung beim ehem. KZ Loibl-Nord am 15. Juni 2019

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