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Aus: Ausgabe vom 19.08.2019, Seite 8 / Ansichten

Ein Herz für Flecktarn

Kostenlose Bahn-Tickets für Soldaten
Von Michael Merz
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Truppe im Blick: Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Bundesverteidigungsministerin, Alexander Dobrindt, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe, und Bahnchef Richard Lutz (v.r.n.l.)

In einem ICE auf dem Berliner Hauptbahnhof. Es ist Freitag nachmittag, der vollbesetzte Zug kommt nicht von der Stelle. Aus dem Lautsprecher im Abteil wird verkündet, es gebe technische Probleme. Mit stoischer Ruhe ertragen die Passagiere die Verspätung, nichts Neues bei der Bahn. Nur einer wird ungehalten – sein Outfit markiert ihn als Bundeswehr-Soldaten. Die Kampfstiefel trappeln ungeduldig auf dem Abteilboden, unentwegt stößt er Flüche aus, nach einer Viertelstunde blafft er eine Zugbegleiterin an. Versuche seitens der Fahrgäste, die Wogen zu glätten, scheitern. Dann zieht er sein Telefon aus der Brusttasche. Auf der Handyhülle prangt ein Aufkleber, der einen antiken Helm zeigt. Der Soldat ist aber nicht etwa ein Asterix-Fan. Das wird klar, entziffert man die zugehörige runenähnliche Schrift: »Thor Steinar« steht da, ein bei Neonazis beliebtes Modelabel.

Nun ist nicht jeder Bundeswehr-Soldat ein Neonazi, aber diese im Frühsommer erlebte Szenerie veranschaulicht die Absurdität der Feststellung Alexander Dobrindts vom Sonnabend: »Soldaten in Uniform in unseren Zügen schaffen mehr Sicherheit«, hat er gesagt. Man wünscht dem CSU-Landesgruppenchef einen Sitznachbarn wie den oben beschriebenen, und er sei darauf hingewiesen: Bundeswehr-Soldaten sind ebensowenig für Sicherheit in der Bahn zuständig wie der Oberförster. Dobrindt strickt sich die Begründung für den am Wochenende im Hinterzimmer ausgehandelten Deal zurecht, nach dem deutsche Armeeangehörige künftig kostenlos Zugfahren dürfen.

Läppische vier Millionen Euro erhält die Deutsche Bahn AG pro Jahr als Ausgleich für Freifahrten der Bundeswehr. Das seien 22 Euro pro Soldat, hat der Präsident von Mofair, des Verbands privater Schienenunternehmen, ausgerechnet. Bei den aktuellen Ticketpreisen muss der Staatskonzern wohl schnell nachverhandeln, will er nicht aufgrund erhöhten Tarnfarbenaufkommens in seinen Waggons noch weiter in die Miesen rutschen.

Als Fahrkarte gilt ab 2020 die Uniform. Der Truppenausweis im Zusammenhang mit ziviler Kleidung hätte es zwar auch getan. Doch so hätte man den wehrtüchtigen Regierungspolitikern die Genugtuung genommen, den öffentlichen Personenverkehr von innen heraus zu militarisieren. Sie wollen der Restbevölkerung nun mal beweisen, wie toll die Truppe ist, und da reichen riesige Werbetafeln an Straßenbahnen, Bussen und Haltestellen nicht mehr aus. »Unsere Soldatinnen und Soldaten stehen jeden Tag weltweit mit Leib und Leben für unser Land ein«, flötete die neue Kriegsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), die sich von ihrer ersten Amtshandlung einen Sympathiebonus verspricht. »Sie verdienen unseren Respekt und unseren Dank.« Und für Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sind die Freifahrten ein »Herzensanliegen«. Auf solche Zuneigung können Pflegekräfte, Feuerwehrleute oder Rettungssanitäter lang hoffen. Für sie gelten weiter die horrenden Ticketpreise.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Hans Reinhardt, Glashütten: Sich die Soldaten warmhalten Manch einer könnte dahinter System vermuten. Soldaten in Uniform als Repräsentanten der Staatsmacht in zivilen Zügen. Unverhältnismäßige Ausweitung der Polizeibefugnisse (PAG), vor allem repressiv geg...
  • M. Gill: Militärkleidung, ein Muss? In dem Artikel bleibt offen, ob ein Truppenausweis alternativ zu der Militärkleidung genügt oder ob die Militärkleidung ein Muss für kostenloses Fahren ist. Kann das in einer Ergänzungsnachricht viell...

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