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Aus: Ausgabe vom 15.08.2019, Seite 12 / Thema
Fußball

Als alle Dämme brachen

Der Arbeiterklub 1. FC Union Berlin ist in die Erste Bundesliga aufgestiegen – und nun? Rückblick und Vorausschau
Von Volker Braun
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Das Fußballmärchen des Jahres – ein 0:0 reichte dem 1. FC Union Berlin am 27. Mai 2019 im Rückspiel gegen den VfB Stuttgart für den Aufstieg. Begeistert stürmten die Fans den Platz

Der 1. FC Union Berlin aus dem Südosten der Hauptstadt im immergrünen Köpenick ist das neue Gesicht der Ersten Fußballbundesliga, und die Medien überstürzen sich in Lobgesängen und Huldigungen. Da der gesamte Wert des Union-Kaders nicht mal an die Jahresgehälter der Bayern-Stars Thomas Müller und Robert Lewandowski herankommt, sind wir in den Wettstudios der Republik schon »Abstiegskandidat Nr. 1«, bevor auch nur ein einziger Ball durch die Stadien gerollt ist.

Ein altes Kampflied der Arbeiterklasse, »Dem Morgenrot entgegen«, wird bei uns im Stadion »Alte Försterei« wie folgt gesungen: »Dem Morgengrauen entgegen, ziehen wir gegen den Wind, wir werden alles zerlegen, bis wir Deutscher Meister sind.« Spätestens seit dem Aufstieg gibt es hier einige tausend Leute, die das wirklich ernst meinen.

Man sollte nie zu früh lachen. Den Aufstieg in die Bundesliga in den Relegationsspielen im Mai gegen den VfB Stuttgart hatte niemand außer den Unionern selbst auf dem Plan. Die Fußballexperten hatten von einer zehnprozentigen Chance gesprochen. Der Schweizer Aufstiegsarchitekt Urs Fischer, Unions Trainer, sagte vor dem entscheidenden Match: »Ich bin überzeugt davon, dass es uns gelingen kann.« In diesem Satz drückt sich die ganze Haltung des Vereins aus, das tiefe Vertrauen in die Realisierung der eigenen Möglichkeiten ohne albernen Optimismus.

Das Aufstiegsspiel

Das erste Spiel in Stuttgart lief zunächst für den VfB Stuttgart ganz nach Plan. Ein 60-Meter-Sprint des unaufhaltsamen Anastasios Donis, Abspiel und Führung. 55.000 Fans jubelten außer Rand und Band: das Abstiegsgespenst verscheucht und dem Gegner die Grenzen aufgezeigt. Dermaßen außer sich vor Freude, bekamen sie gar nicht richtig mit, wie Union sofort zurückschlug – ein langer Pass aus dem Halbfeld von Marvin Friedrich, direkt weitergeleitet von Anderson auf Suleiman Abdullahi, und der junge Nigerianer lupfte den Ball über den letzten Verteidiger, nahm seine eigene Vorlage nach einer Körperdrehung auf und schob den Ball mehr wie eine Billardkugel ins rechte Toreck. Es sah leicht aus, es düpierte den Favoriten, und so richtig erholte sich Stuttgart nicht mehr davon.

Es gab für das Rückspiel in Berlin große Kartennot. Der Slogan des Vereins lautete: »Wann, wenn nicht jetzt!« Selbst über eine Akkreditierung war keine Karte mehr zu bekommen. So ging ich in die »Abseitsfalle«, unsere Fankneipe. Drei Monitore, einige hundert junge Ultras, aber auch viele ältere Mitglieder empfingen mich in Ölsardinenkontakt. Wir sehen Stuttgart starten als elegantes Ballstaffettenteam, wir kloppen nur die Bälle nach vorne und rasen in die Zwischenräume. Die entscheidende Spielszene liegt schon relativ am Anfang. Die FCU-Youngsters haben gerade erst ihr Banner »Gegen den Videobeweis in den Stadien und im Verkehr« eingerollt (die Ironie der Geschichte), da schlenzt Exnationalspieler Dennis Aogo seinen Freistoß ins linke Toreck, Unions Keeper ist chancenlos, VfB-Jubelarien, Friedhofsruhe in der »Abseitsfalle«. Doch dann bekommt der Schiri eine Info per Headphone, läuft raus, kommt wieder rein und nimmt das Tor zurück. Die Kneipe explodiert vor Freude. Ein Stuttgarter Spieler hatte Torwart Rafal Goalkiewicz die Sicht versperrt – Abseitsfalle. Da kommen die Schwaben nicht mehr raus. Kurz danach schlagen zwei Stuttgarter Abwehrspieler mit dem Kopf zusammen und gehen blutend zu Boden.

Der Unioner Suleiman Abdullahi schießt in der zweiten Halbzeit zweimal gegen den Pfosten, und der Countdown läuft, bis der VfB-Mercedes-Benz-Stern knackt und zu Boden kullert. Das Spiel ist aus, die Zuschauerinnen und Zuschauer stürmen den Platz, schneiden sich Rasenstücke raus und demontieren die Tore. Jetzt wird der FCU die Erste Bundesliga bereichern. Wie? Unser Trainer Urs Fischer sagte im Vorbereitungstraining zu seinen Spielern: »Wenn du Fehler machst und müde wirst, musst du schneller laufen.«

2007 war Union mit dem Trainer Uwe Neuhaus in die Zweite Bundesliga aufgestiegen. Neuhaus blieb sieben Jahre. Er schuf in dieser sehr langen Zeit die Basis für das, was jetzt erreicht wurde. Danach wollte der Verein einen neuen Impuls und stellte Norbert Düwel an. Der sortierte Simon Terrode aus, den aktuell besten Stürmer der Zweiten Liga, und verzichtete auf Thorsten Mattuschka, Unions besten Mann. Mattuschka konterte im Interview, Düwels Rolex sei teurer als das Jahreseinkommen eines Fans von Block 3. Düwel verabschiedete sich mit einem Fuckfinger vom Publikum und verschwand. 2015 kam der Trainer Sascha Lewandowski aus der Ersten Liga von Leverkusen. Wir mochten ihn sehr. Ich sehe ihn noch in den Mittelkreis laufen und voller Freude die Fans begrüßen. Von ihm ist mir ein Satz über Michael Parensen im Kopf, Unions Urgestein: »Wenn ich vier Michael Parensens hätte, würde ich viermal Parensen aufstellen.« Er passte zu Union, doch dann nahm er sich das Leben. Die Medien fabulierten, er habe Kinder geliebt, aber was soll man ihnen schon glauben? Springer hat viele Menschen in den Abgrund, in die Verzweiflung und in den Tod getrieben.

Dann kam Jens Keller von Schalke 04, dort von den Fans »Schlaftablette« genannt. Er führte Union auf den vierten Platz, dann flog er raus. Diese Entscheidung war wegweisend für den jetzigen Aufstieg. Niemand verstand den Schritt, auch die Fans waren unruhig. Die Medien kochten: Jetzt sei Union wie alle anderen. Im Sommer 2016 sprach ich Keller an. Ich äußerte den Wunsch, seiner Mannschaft Tischtennis beizubringen (ich bin Tischtennistrainer), und zitierte den Weltstar Paul Pogba, der gesagt hatte, dass Tischtennis für ihn wichtig gewesen sei, um ein guter Fußballer zu werden. Kellers Augen waren kalt, er ließ mich stehen. Er gehört zu denen, die im Falle des Erfolgs charismatisch und eloquent sind, doch wenn es Probleme gibt, werden sie übel. Heute verstehe ich, warum die Medien seine Verteidigung übernahmen. Das Establishment schäumt, wenn es einen von ihnen trifft. Seinen Posten übernahm André Hofreiter, ein Unioner. Nach einem Baustellentag tanzte ich vor Freude auf dem Detmolder Bahnhof. Wir hatten uns wiedergefunden, Union und ich. Lieber noch zehn Jahre Zweite Liga als einen Tag länger mit Keller. Hofreiter übernahm mit dem typischen, selbstironischen Union-Slang: »Ich bin nicht so ein Fan von Grätschen im eigenen Strafraum.« Er brachte wieder Frieden rein, stabilisierte den Verein, und im Stadion gab es die wildesten Gerüchte über Kellers Kündigung. Schließlich ging Hofreiter wieder in die Jugendabteilung des FCU zurück, und wir begannen die Saison 2018 mit dem Schweizer Trainer Urs Fischer. Der Fußball von Union in der Aufstiegssaison hatte selten eine spielerische Leichtigkeit, er hatte sich im Vergleich zu den Jahren davor auch nicht besonders verändert. Aber es muss ja Gründe geben, wenn man 14 Monate lang kein Heimspiel verliert. Wir hatten uns auch nicht verändert, die ganze Wucht von den Rängen, der 12. und 13. Mann.

Im letzten Moment

Fischer rotierte das Team durch und hatte eine etwas defensivere Spielidee: aus einer stabilen Ordnung den Raum aufzumachen für freies, kreatives Tun. Wir fingen uns nur 33 Tore in 34 Spielen. Man hatte oft den Eindruck: Boah, ist das schwer heute, wir kommen nicht aus dem Knick, doch dann stand es plötzlich 2:0 für uns. Mit Anderson, Polter, Abdullahi, Mees, Prömel, Gogia und Zulj hatte der Verein einfach das Glück, sehr torgefährliche Spieler zu haben. Marcel Hartel schoss das Tor des Jahres. Viele Teams, Ingolstadt, Bochum, Bielefeld oder St. Pauli, dominierten uns phasenweise, aber wir kriegten immer noch so gerade die Kurve. Gegen Audi Ingolstadt stand es zur Halbzeit 1:0 für Union bei 1:12 Torschüssen. Das Stadion kicherte. Viele Punkte wurden in den letzten drei Spielminuten geholt, einige Tore für den FCU fielen kurz vor Abpfiff, als hätte es diesen Thrill für die Spieler noch gebraucht. Unvergessen das Kopfballtor unseres Keepers Rafal Goalkiewicz kurz vor Spielende gegen Heidenheim. Ich sehe ihn noch nach vorne sprinten, im quietschgrünen Outfit sah er aus wie ein Marsmännchen, dann lupft Anderson den Ball parallel zur Torlinie, Rafal steigt hoch und überspringt, obwohl er relativ klein ist, locker einen Riesenabwehrmann und köpft den Ball ins Toreck. Rafal wurde zu Berlins Sportprofi des Jahres gewählt.

Natürlich gilt es zu berücksichten, dass die Atmosphäre im Stadion sicher auch einschüchternd für den Gegner ist. Der Gesang: »Wo du auch spielst, ja, wir folgen dir, und ist der Sieg auch noch so fern, gib niemals auf, und glaub an dich, ja, dann kann der Sieg nur dir gehören«, ist eine Verpflichtung, die gut 22.000 Unionerinnen und Unioner in jedem Heimspiel unter Beweis stellen. Die Auswärtsfahrerinnen und -fahrer sind auch fünfstellig unterwegs.

Die Gerechtigkeit des DFB

Big Brother heißt im Fußball DFB, schon ab 1933 Hausmeister im Faschismus, in vorauseilendem Gehorsam wurden vom Verband jüdische Spieler und Funktionäre der Klubs suspendiert und der Verfolgung und Deportation preisgegeben.

Für den Platzsturm beim Aufstiegsspiel am 27. Mai und das Abbrennen von Bengalos verurteilte der Deutsche Fußballbund unseren Verein zu einer Geldstrafe von 56.800 Euro, zusammen mit den aktuellen Reststrafen des Jahres sind wir bei 125.000 Euro, die der FCU an den DFB überweisen muss. Gerade am Beispiel des Platzsturms wird deutlich, dass die Funktionäre bis heute aus der Massenpanik des Jahres 1985 im Brüsseler Heysel-Stadion mit ihren 39 toten Zuschauerinnen und Zuschauern nichts gelernt haben. Damals wurden viele an den Absperrungen zerquetscht. Dass die Führung des FCU sich nach dem Sieg gegen Stuttgart und dem Aufstieg entschied, die Tore aufzumachen, um zu verhindern, dass Tausende über die Zäune klettern und sich zusammenschieben, hätte einen Preis für »Kompetenz in der Konfliktbewältigung und der Sicherheit im Stadion« verdient. Alle Medien haben über die anschließende Aufstiegsfeier auf dem Rasen nach dem Platzsturm gejubelt, »die schönste Fußballparty, die Berlin je erlebt hat«, hieß es.

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Ein Stück Erinnerung – als nach dem Abpfiff der Partie gegen den VfB Stuttgart der Aufstieg in die Erste Liga gesichert war, nahmen sich die Fans das ein oder andere Accessoire mit nach Hause (Berlin, 27.5.2019)

125.000 Euro sind sehr, sehr viel Geld für einen Klub, dessen Bilanzjahr mit einem Plus von gerade einmal 50.000 Euro abschließt. Es grenzt fast an Wettbewerbsverzerrung. Ich hoffe, der Verein legt Widerspruch gegen das Urteil ein.

Die Schweizer Bundesanwaltschaft sowie die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermitteln derweil gegen die DFB-Expräsidenten Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und Häuptling Franz Beckenbauer. Der Vorwurf ist allgemein bekannt: Im Sommer 2002 lieh Beckenbauer sich bei dem damaligen Adidas-Vorstandsvorsitzenden Robert Louis-Dreyfus 6,7 Millionen Euro, die dann an den damaligen katarischen FIFA-Funktionär Mohammed bin Hammam gingen. Der Verdacht: Die WM 2006 in Deutschland wurde gekauft. Gegen Zwanziger und Niersbach haben die Schweizer die Verfahren eröffnet, dasjenige gegen Beckenbauer wurde abgetrennt, die Ärzte haben Beckenbauer vernehmungsunfähig geschrieben. Im Attest wird eine »Gedächtnisstörung« Beckenbauers nach einem Augeninfarkt diagnostiziert. Sein Erscheinen beim Gericht sei für ihn wegen der möglichen Beunruhigung lebensbedrohlich. Niersbach und Zwanziger sehen sich als Bauernopfer und haben mittlerweile Strafanzeigen wegen »falscher Verdächtigungen« gegen die Ermittler der Schweizer Bundesanwaltschaft sowie der Frankfurter Staatsanwalt gestellt. Ihre Anwälte wollen zudem durch ein Gutachten Kaiser Franzens Vernehmungsunfähigkeit kippen. Dieser war zuletzt noch am am 12. Juli bei dem nach ihm benannten »Kaiser-Cup« aufgetreten, einem Golfturnier, das er launig eröffnete. Wenn es für Zwanziger und Niersbach gut läuft, rutschen ihre Verfahren ebenfalls in die Verjährung. Die Frist läuft bis April 2020.

Wuhlesyndikat

Dem DFB und seiner Sportgerichtsbarkeit steht beim FCU die »Eiserne Hilfe« gegenüber. Diese hilft mit Anwälten und Rat auch bei wiederholt vorgekommenen Provokationen durch den Verfassungsschutz, der Fans und Mitglieder des Klubs in die Enge treiben will.

Wir oder sie. Das alte Lied. In diesem Land hat niemand das Recht, das Gewaltmonopol des Staates auch nur in Frage zu stellen, schon gar nicht eine Jugendbewegung wie die Ultras. Unsere jungen Fanáticas und Fanáticos heißen »Wuhlesyndikat«, benannt nach dem Flüsschen Wuhle direkt am Stadion. Sie sind das kreative Zentrum des Vereins und sein antikapitalistischer Puls. Sie agieren in aufwendigen Choreographien gegen Kommerzialisierung und Staatsrandale in den Stadien bzw. für ihre Ausdrucks- und Bewegungsfreiheit. Aber eigentlich geht es ihnen nur um Fußball.

Wenn sich die Polizei mit Kampfgas und Knüppeln in die Zuschauerblöcke fräst, so geschehen in diesem Jahr in Dortmund und Frankfurt am Main, werden anschließend die Verantwortlichen mit Schimpfbannern denunziert oder wie zuletzt beim Aufstiegsspiel gegen Stuttgart mit Fez provoziert: »Cops can’t dance.« Das Wuhlesyndikat ist auch aktiv bei Protestaktionen gegen das neue Polizeigesetz oder beim Sammeln von Spenden für Obdachlose im Winter.

Eine Aktion, ein Tritt oder eine wegwerfende Geste eines Gegenspielers, dann schwillt ein Orkan an, Pfiffe, Drohungen, Verwünschungen und als Höchststrafe das permanente 90minütige Auspfeifen eines Spielers, wenn er sich mit den Zuschauern anlegt. Block 3 ist der Seismograph des Spiels, die Waldseite der Ultras die Rhythmusuhr. Der Dialog zwischen beiden Seiten, Block 4 und Tribüne werden mit einbezogen, erfolgt intuitiv oder durch Wechselgesänge. Unser Stadion, die »Alte Försterei«, ist das größte Stehplatzstadion im deutschen Profifußball.

Einer der beliebtesten Gesänge im Stadion ist: »Wir sind die Kranken, wir durchbrechen alle Schranken.« Zum Glück greift der Verein hin und wieder erzieherisch ein. In der letzten Saison spielte Union gegen Audi Ingolstadt. Stadionsprecher Christian Arbeit sagte vor Spielbeginn: »Leute, heute ist der 8. März, Internationaler Kampftag für Frauenrechte.« Das Stadion schweigt und applaudiert dann leise und höflich. Deshalb setzt er nach: »Das sind keine besonderen Rechte, sondern Menschenrechte.« Wie jede Gesellschaft bleibt diese hier veränderungswürdig. Beim Aufstiegsspiel war ich in dem ganzen Chaos beeindruckt über die Vorsichtigkeit und Behutsamkeit der Masse im Kontakt 1:1.

Die ausschließlich finanzielle Motivation im Fußball führte Hannover 96 zum Abstieg in die Zweite Liga, zur Entfremdung des Vereins von seinen Fans. Audi Ingolstadt, selbsternannter Aufstiegsfavorit, wurde nach vier Trainerwechseln aus der Liga katapultiert. Ingolstadt spielte stark, hatte viele Nationalspieler im Team, aber ab und zu frisst der Kapitalismus seine eigenen Kinder auf.

Unions Erfolg gegen den Hamburger SV war unser Meilenschritt zum Aufstieg. Der teuerste Kader der Liga wankte durch die »Alte Försterei«, seinen Feinschliff nur andeutend, ohne präsent zu sein. Abdullahi nahm einem jungen HSV-Verteidiger den Ball ab wie einem Kind, Pass auf Zulj, Tor – und der HSV ergab sich. Heute lauten die Schlagzeilen: »Der HSV schafft sich ab«, es bleibt nur Häme.

»Die Zeit ist nun gekommen.« Auf den Aufstiegstrikots steht ebendieser Satz. Die Saisonvorbereitung auf das erste Jahr des Klubs in der Ersten Bundesliga beginnt mit 34 Spielern. Brøndby Kopenhagen ist der erste freundliche Gast, und Fischer lässt 22 Spieler vorspielen. Ein junger neuer Unioner heißt Florian Flecker, und er spult wie ein Irrwisch seine 100 Sprints runter und lässt den Gegner alt aussehen, das Stadionrund lacht. Die Unioner laufen ein und umarmen Ritter Keule, unser Maskottchen. Die Zeit ist nun gekommen für die Enkel der Schlosserjungs aus Oberschöneweide, die ganz Großen unter Stress zu setzen.

»Scheiße, wir steigen auf!«

Union Berlin beginnt die neue Saison mit dem Wort »Arroundhouse« auf den Shirts. Kein Kiezgärtner, sondern ein börsennotierter Gewerbeimmobilienkonzern mit Sitz in Luxemburg und einer Vermögenssumme von acht Milliarden Euro. Ein Leute-in-den-Ruin-Treiber-Konzern, sagen viele. Wie passt das zusammen mit einem Arbeiterklub? Gute Frage. Bekannt geworden im Land ist ein Banner der Wuhleultras, das die Stimmung im Klub gut zusammenfasst: »Scheiße, wir steigen auf!« Die beiden Klubchefs sind Linke und sagen, wir werden uns nicht verändern. Aber jeder Turnschuh ist unter unsagbarem Elend im Süden oder Südosten der Welt genäht worden, die der Spieler, aber auch die eigenen.

Das muss der Ausgangspunkt der Kritik an diesem Sponsor sein. Der FCU ist nur so gut, wie die Menschen, die ihn leben. Das Haifischbecken Erste Fußballbundesliga bekommt einen neuen Bewohner, der in seiner Hymne das Versprechen in den Abendhimmel brüllt: »Wir lassen uns nicht vom Westen kaufen.«

Volker Braun veröffentlicht regelmäßig im Feuilleton und auf der Sportseite der jungen Welt.

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (15. August 2019 um 18:31 Uhr)
    Guten Abend, Herr Volker Braun!

    Sie sind aber nicht der begnadete Achtzigjährige, der im Jahre 2000 den Georg-Büchner-Preis verliehen bekam? (Was unvergessen bleibt, weil die Jahreszahl sich für immer einprägt.) Aber Sie sind sein gleichnamiger Zwillingsbruder, Doppelgänger, Nachwuchs, Verwandter o. ä. – da bin ich vollkommen sicher, denn Ihr Beitrag ist von enormer literarischer Bedeutung und Schönheit!

    Deshalb habe ich mich entschlossen, dass ich morgen am frühen Morgen in den nächsten Lottoladen gehe und ein Los für den Eurojackpot kaufe: Dort gibt es abends 75 Millionen Euro zu gewinnen. Wenn es gut läuft, werde ich vom Hauptgewinn zweihundert Prozent an den FCU überweisen. Oder besser dreihundert. Ich SCHWÖRE!

    Hier noch eine Idee, die ich schon seit Jahren anbringen und in die Weltpresse geben wollte: Der FCU könnte in jedem Sommer eine WALDMEISTERSCHAFT veranstalten. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sich viele ausländische Geldgeber finden werden, die groß einsteigen wollen - mit der Sprache muss man es nicht immer so genau nehmen, oder?

    EISERN!

    scharmann
  • Beitrag von josef w. aus H. (15. August 2019 um 19:14 Uhr)
    Alles schön und gut, und ich gönne Union alles erdenklich Gute, aber Union steigt ab, der HSV auf, und Paderborn bleibt drin. Außerdem wird Bayern Meister – so schlecht ist die Welt!
    • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (15. August 2019 um 23:39 Uhr)
      Andersherum: Der FCU wird eine enorme Unterstützung erfahren, die ihm helfen wird, in dieser unschönen Bundesliga zu bestehen.

      Aus welchem Grund ist Ihnen denn wichtig, dass die Welt eher schlecht ist? Es ist an der Zeit, dass UNION aufsteigt und ein beispielhaftes Zeichen setzt: Es ist an der Zeit.

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