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Aus: Ausgabe vom 14.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Prosa

Quando paramucho mi amore de felice corazón

Eine Kürzestgeschichte
Von René Hamann
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Kreuzberger Mischung: Ich weiß nicht, ob ich eine Meinung habe

Ich werde gekeult. Ich werde geschlagen, mit Fleischstücken, jemand holt aus, ich kann nicht erkennen, woher die Schläge kommen, aber die Einschläge kommen näher, ich beginne zu schreien, endlich wache ich auf.

Teilhabe und Realisierung. Teilhabe: Trost und Abspeise, gleichsam die einzige Form von Relativierung, denn das Individuum wird überschätzt, nicht zuletzt von sich selbst. Die Psychologie, die Hirnforschung ist uns weit voraus.

Bitte versorgt mich.

Ein schöner Tag in Berlin-Kreuzberg, ein überladener, übervölkerter Stadtteil, zu viele Touristen, zu viele auf Außenwirkung bedachte Menschen. In einem Café an der Wiener Straße sitzen sie bei vollem WLAN. Tätowierte Bedienungen. Sterne auf heller Haut. Die Bierpreise sind gestiegen. Die Teilhabe. Des Bürgers. »Ich besuchte einen Stripclub, in dem ein blaues Alien für mich tanzte.« (Nicholson Baker)

Die Sonne bleibt draußen. Die Bedienung lässt eine CD ein zweites Mal laufen, ein seltsamer Mix, der mit Morrissey anfängt und den Flaming Lips aufhört. Ich weiß nicht, ob ich eine Meinung habe. Ich weiß, dass Meinung ein großes Comeback feiert, auch in meinen eigenen Texten, und zwar zu Recht. Andererseits ist Meinung hilflos. Wie ich mich als Bürger fühle? Ich weiß es nicht. Ich bin 15 Jahre lang nicht wählen gegangen. Ich bin gegen die Wehrpflicht. Ich bin für soziale Gerechtigkeit. Für die Bedienung bin ich irgendein Typ.

Zweiter Traum: Ich sitze mit einer Reisegruppe in einem hohen Gebäude, einer Art alter Fabrik mit mehreren Stockwerken, während das Nebengebäude bombardiert wird. Wir spüren die Einschläge. Wir sehen die Wände wackeln. Einige Steine werden eingedrückt. Staub rieselt von den Mauern. Wir kauern am Boden. Aber unser Gebäude wird nicht getroffen. Als die Bombardements aussetzen, verlassen wir das Gebäude, suchen den Himmel nach feindlichen Flugzeugen ab, schauen uns die Treffer an, die ausgehöhlten Stockwerke, die skeletthaften Reste der Gemäuer. Wir fragen uns, von wem die Bombardements kamen.

Wir befinden uns in einer südlichen Zone, die Menschen, besonders die Männer, erscheinen herb und fremd, unnahbar, unfreundlich. Wir ziehen mit einem Militärfahrzeug herum. Der Himmel wird dunkel. Mir werden ein Koffer und ein tarnfarbener Rucksack geklaut, meine gesamte Habe, ich ärgere mich und versuche gleichzeitig, mich mit dem Gedanken an Besitz als Ballast, Besitz als bürgerliche Kategorie, und »Es ist ja nur (unklar:) Materie, Material« zu trösten. Aber es will nicht recht gelingen. In einem Seitenverschlag sehe ich E., die mit ihrer besten Freundin im Austausch von Zärtlichkeiten steht. Sitzt. Liegt. Ich will weder zuschauen noch mich nähern. Ich will sie eigentlich nicht sehen.

Ich weiß nicht, was ein neuer Ansatz sein könnte. »Bei mir schlagen zwei Herzen in einer Brust, die sich relativ gewaltsam in den Haaren liegen«, sagt Judith Holofernes in einem Interview. Zwei Herzen liegen sich in den Haaren. Am Ende verliert eines der Herzen den Kopf. Wir entscheiden uns für die Sonne. Wir haben Angst vorm Älterwerden. Die Zeichen der Jugend bedeuten uns nichts.

Im dritten Traum treffe ich sie doch. Sie ist merklich fülliger geworden, besonders im Gesicht. Sie nähert sich an, ich spüre inneren Widerstand, muss daran denken, dass sie zwei Kinder hat, die im verschneiten Allgäu sitzen, und sie mich am Ende nur benutzen würde. Aber es wird offensichtlich, dass sie mich zurück will. Sie nähert sich weiter, ich widerstehe noch, dann küsst sie mich. »Ich werde nicht wieder weglaufen«, sagt sie.

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