Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 14.08.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Wechselkurse

Das Zittern der Märkte

Argentinischer Präsident nutzt Wirtschaftsängste, um an der Macht zu bleiben. Peso auf Rekordtief
Von Efthymis Angeloudis
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Der argentinische Peso ist durch die Aussicht auf eine neue Präsidentschaft stark unter Druck geraten

Auf die Niederlage von Argentiniens Staatschef Mauricio Macri bei der Präsidentschaftsvorwahl am Sonntag gegen Alberto Fernández folgte ein »schwarzer« Montag auf den Aktienmärkten. Der Merval-Index in Buenos Aires stürzte zu Wochenbeginn um 30 Prozent ab. Gegenüber dem US-Dollar verlor der argentinische Peso knapp ein Viertel seines Werts und fiel auf ein Rekordtief von 62 Peso je Dollar. Auf den Kapitalmärkten stoßen Anleger argentinische Staatsanleihen ab und drohen das Land in einen erneuten Staatsbankrott zu stürzen.

Fernández erhielt 47,7 Prozent der Stimmen bei der Präsidentschaftsvorwahl, während Macri, der eine strenge Austeritätspolitik durchsetzte, die das Land in eine tiefe Rezession stürzte und eine Arbeitslosigkeit von über 10 Prozent verursachte, nur 32,1 Prozent erhielt. Dennoch reagieren Märkte und Anleger nicht besorgt auf eine mögliche Wiederwahl Macris, sondern auf den vermeintlichen Erfolg des peronistischen Alberto Fernández, früherer Kabinettschefs der ehemaligen Präsidentin Cristina Kirchner, die als Vizepräsidentschaftskandidatin mit ihm antritt.

Mit vier Fünftel seiner Verbindlichkeiten in fremder Währung ist die Schuldenlast Argentiniens in hohem Maße den Schwankungen der Wechselkurse ausgesetzt. Bereits 2001 war die Hauptursache der Staatsschuldenkrise die Verbindung des argentinischen Peso mit dem Dollar, die 1991 beschlossen worden war. Wenn der Peso bei anhaltender Marktunsicherheit weiter an Wert verliert, könnte sich die Annahme des Internationalen Währungsfonds (IWF), dass die Währung zum Jahresende gegenüber dem Dollar 50 zu 1 steht, als weit verfehlt entpuppen. Laut Daten der Wirtschaftsagentur Bloomberg lag die Wahrscheinlichkeit einer Zahlungsunfähigkeit in den nächsten fünf Jahren aufgrund der Marktpreise am Montag bei 75 Prozent.

Die Panik und Ungewissheit an den Märkten stellt ein vertrautes Szenario dar, das sowohl in Argentinien als auch in Griechenland umgesetzt wurde, wenn Austeritätsgegner an die Macht zu kommen schienen. Die Reaktionen der Märkte unterliegen dem Dogma: »Wenn wir sie nicht in den Wahlen schlagen können, drehen wir ihnen den Geldhahn zu.« Doch Präsident Macri ist nicht unschuldig in der Inszenierung einer weiteren Folge dieses »Vertrauensverlustes« der Investoren.

Macri selbst hat die Ängste der Anleger geschürt, dass ein Wahlsieg Fernández’ den Werteverlust des Pesos und somit eine Zahlungsunfähigkeit Argentiniens herbeiführen würde. Er hat gezielt die Befürchtungen der Finanzmärkte hinsichtlich der Rückkehr einer peronistischen Regierung in den Mittelpunkt seiner Kampagne gestellt, um seine Wiederwahl im Oktober zu sichern. Dabei war es Macri, der den größten Stand-by-Kredit des IWF im Gegenzug für harte Einschnitte in die Sozialleistungen aufnahm. Zweck des Darlehens sollte es sein, den Peso stabil und die Inflation im Zaum zu halten. Nach mehr als drei Jahren an der Macht weist das Land unter Macri aber eine Inflation von über 55 Prozent auf, während seine Regierung bereits 52 der ingesgesamt 57 Milliarden Dollar des Darlehens ausgegeben hat.

Argentiniens letztes Stand-by-Abkommen ist auf das Jahr 2003 unter dem damaligen Präsidenten Néstor Kirchner zurückzuführen. Kirchner hatte Ende 2005 die Rückzahlung der damaligen Verbindlichkeiten beim IWF in Höhe von 9,8 Milliarden US-Dollar angeordnet und sich geweigert, Vorgaben für den Fonds zu akzeptieren. Seither hat das Land keine IWF-Kredite mehr angenommen. Macri brachte das Land mit dem 2018 aufgenommenen Kredit wieder in den Einflussbereich des IWF und damit unter das Seziermesser der Austeritätsbefürworter in Washington.

Es bleibt abzuwarten, ob Macri die Casa Rosada, den Präsidentenpalast vor der Plaza de Mayo in Buenos Aires, im Oktober durch die Vordertür verlässt. Oder ob er wie der damalige Präsident Fernando de la Rúa während des »Argentinazo«, den Protesten gegen die Wirtschaftskrise 2001, mit dem Helikopter flieht.

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