Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 14.08.2019, Seite 6 / Ausland
Guerillakampf in der Türkei

Sabotage gegen Erdogan-Regime

Guerillabündnis bekennt sich zu Aktionen gegen Militär und Wirtschaft in der Westtürkei. Medien vertuschen Urheberschaft
Von Nick Brauns
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Im Fadenkreuz von Guerillaaktionen: Waffentransporte wie dieser Militärkonvoi in Reyhanli nahe der türkisch-syrischen Grenze (17.1.2018)

Die zentralanatolische Provinz Konya, Hochburg des religiösen Konservativismus in der Türkei, ist für kommunistische Untergrundaktivitäten eher unbekannt. Doch ausgerechnet dort ereignete sich am vergangenen Sonnabend eine schwere Explosion auf einer Hauptstraße im Bezirk Aksehir. Ein Militärkonvoi aus acht Fahrzeugen wurde durch einen am Straßenrand versteckten Sprengsatz zerstört. Zu dem Angriff bekannte sich am Montag die »Vereinigte Revolutionäre Bewegung der Völker« (HBDH). Zahlreiche Soldaten seien getötet oder verletzt worden, während die beteiligten Guerillaeinheiten sicher in ihre Stützpunkte zurückgekehrt seien. Es habe sich um eine Sabotageaktion gegen einen Waffentransport gehandelt, der für die Invasionstruppen an der türkisch-syrischen Grenze bestimmt war, heißt es in einer von der kurdischen Nachrichtenagentur Firat veröffentlichten Erklärung. Ebenfalls am Montag bekannte sich die HBDH zu einem Brandanschlag auf eine Chemiefabrik in der Schwarzmeerprovinz Zonguldak. In den letzten Tagen hatten Milizen der HBDH zudem Brandanschläge auf Fabriken in den westtürkischen Städten Denizli und Ayvalik, die Explosion eines Munitionsdepots der Armee in Reyhanli an der türkisch-syrischen Grenze sowie die Versenkung einer Luxusjacht im Ferienresort Bodrum für sich reklamiert.

Die HBDH wurde im März 2016 als Bündnis der Guerilla der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) mit acht im Untergrund agierenden marxistisch-leninistischen Parteien aus der Türkei gegründet. Einige wie die Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei (MLKP) und die Kommunistische Partei der Türkei/Marxistisch-Leninistisch (TKP/ML) gehören zu den einflussreicheren Gruppierungen der radikalen Linken in der Türkei, andere dürften über kaum mehr als einige Dutzend Mitglieder verfügen. »Wir schließen uns zusammen, damit die Türkei und Kurdistan frei werden. Wir schließen uns zusammen, damit wir unseren Beitrag im Mittleren Osten und im Rest der Welt zum freiheitlichen und demokratischen Leben leisten können«, hieß es in der HBDH-Gründungserklärung. Propagiert wurde eine vielschichtige Widerstandslinie, die von »individuellen Aktionen der Milizen bis zu den Guerillas« reicht. Nach dem Bekenntnis zu einer Handvoll Guerillaaktionen gegen Armee und Polizei in der kurdisch-alevitischen Provinz Dersim sowie am Schwarzen Meer im ersten Jahr, war es weitgehend still um das Bündnis geworden. Dessen Mitgliedsorganisationen kämpften nun mit ihren bewaffneten Kräften in Nordsyrien an der Seite der kurdischen Volks- und Frauenbefreiungskräften YPG/YPJ gegen den »Islamischen Staat« und türkische Invasionstruppen. Doch parallel zu einer Welle von Angriffen der kurdischen Guerilla auf türkische Stellungen im Bergland an der Grenze zum Irak hat die HBDH in den letzten Wochen verstärkt Aktionen in der Westtürkei gestartet.

Ein Grund für die zunehmende HBDH-Aktivität dürfte der Abschluss eines Klärungsprozesses innerhalb der TKP/ML als einer der mitgliederstärksten Mitbegründer der Guerillafront gewesen sein. Das Verhältnis zur kurdischen Befreiungsbewegung und damit auch die Frage der Zugehörigkeit zur HBDH waren zentrale Streitpunkte, die die Partei in jahrelangen Fraktionskämpfen gelähmt und schließlich zur Spaltung geführt hatten. Der sich seit diesem Jahr ­TKP-ML (mit Binde- statt Schrägstrich) nennende Flügel unterstützt weiter die HBDH. Dass der Anschlag auf die Chemiefabrik in Zonguldak dem Andenken ihres vor zwei Jahren in Rojava gefallenen Guerillakommandanten Nubar Ozanyan gewidmet war, deutet auf eine Beteiligung der Maoisten hin.

In den gleichgeschalteten türkischen Medien werden die Aktionen der HBDH totgeschwiegen oder als »Brand mit unbekannter Ursache« vertuscht. Nur im Falle eines Waldbrandes bei Canakkale wurde die HBDH als Brandstifter benannt. Das allerdings erscheint zweifelhaft. Schließlich bekennt sich der revolutionäre Zusammenschluss ausdrücklich zum »Schutz der Natur und Umwelt«.

Debatte

  • Beitrag von Alexander Kalex aus Leipzig (14. August 2019 um 07:56 Uhr)
    Eine linke Guerilla, die Fabriken, also Zentren der Arbeiterklasse, angreift – hört sich ziemlich schräg an. Es ist zumindest erklärungsbedürftig.

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