Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 14.08.2019, Seite 2 / Inland
Protest gegen Braunkohleabbau

»Die Schüler verstehen, was uns bewegt«

Klimacamp im Rheinland beginnt am Donnerstag. Bewohner bedrohter Dörfer und Schülerbewegung suchen die Vernetzung. Ein Gespräch mit David Dresen
Interview: Gitta Düperthal
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Protest einer Bewohnerin eines Dorfes bei Erkelenz (6.12.2018)

In Zeiten breiter Debatten über Umweltschutz startet am Donnerstag das Klimacamp nahe Erkelenz im Rheinland. Aktivisten sind dorthin unterwegs, um gegen den Braunkohleabbau und seine Folgen zu protestieren. Lässt sich davon der Energiekonzern RWE verunsichern?

Das Unternehmen zeigt sich durchaus beeindruckt. Vor allem stockt es seine eigene Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auf, um zu vermitteln, welch sozialverträgliches Unternehmen RWE angeblich doch sei. Man behauptet, es gäbe eine neue RWE AG, einen grünen, nachhaltigen Konzern. Von einer Einsicht, dass es mit der Braunkohle zu Ende geht und das Geschäftsmodell geändert werden muss, ist aber nichts zu merken.

Wie wirkt sich das in den Dörfern der Region aus?

Aktuell bedroht sind fünf Dörfer beim Tagebau Garzweiler II, zwei bei Hambach. Dazu kommen mehrere Ortschaften im Osten der Bundesrepublik. RWE baggert direkt vor Keyenberg (Ortsteil von Erkelenz, jW), zerstört Wälder, Felder und Wege. Ein Drittel der ursprünglichen Bevölkerung lebt noch dort. Das Gelände im Ort selber darf der Konzern erst 2023 in Anspruch nehmen. Er will aber die Rodungssaison im Oktober nutzen, um Gärten der bereits leerstehenden und verkauften Häuser abzureißen, die teilweise mitten im Ort stehen.

Solidarisieren sich junge Menschen von »Fridays for Future« mit Ihrem Protest?

Seit gemeinsamen Aktionen von »Ende Gelände« im Juni kooperieren wir miteinander. Wir kommen zu ihren Treffen, sie zu unseren. Die Schüler verstehen, was uns bewegt, wenn wir unser Zuhause verlieren – auch wenn für sie die globale Klimapolitik im Vordergrund steht. Gemeinsam wollen wir den Abbau der Braunkohle stoppen.

Hat sich der Widerstand in den Dörfern verändert?

Ja, das Zusammenspiel von Jungen und Älteren hat spannende Auswirkungen. Weil der Umweltschutz jetzt überall breit diskutiert wird, trauen sich mehr Dorfbewohner, aufzustehen. Freilich liegt deren Altersdurchschnitt bei über 50 Jahren, mit 28 gehöre ich da deutlich zu den Jüngeren. Bei »Fridays for Future« liegt er dagegen eher unter 20 Jahren. Viele Ältere haben ein schlechtes Gewissen, weil sie erst so spät aktiv wurden, obgleich die Zukunft kommender Generationen schon länger bedroht ist. Sie reflektieren nun den Klimaschutz und begreifen dabei, dass es auch um eine existenzielle Krise im globalen Süden geht. Kaum mehr zu hören sind Sätze wie: Wir können eh nichts mehr ändern.

Wie reagiert RWE auf diese Entwicklungen?

In Keyenberg ziehen sie ihr gängiges Druckmittel durch, das im Bau von Grundwasserpumpen besteht. Da der Konzern für den Tagebau tief baggern lässt, liefe die Grube mit Grundwasser voll, würde man dieses nicht wegpumpen. Angeblich müssen die Pumpen fast immer auf Feldern oder Gärten von Anwohnern aufgestellt werden. Dann wird Tag und Nacht gebaut, ohne Lärmschutz, mit Staub und Dauerbeleuchtung. Darüber hinaus versucht die RWE AG weiterhin, Menschen zu überzeugen, ihr ihre Häuser zu verkaufen. Schließlich werde sowieso alles abgerissen, heißt es dann. Allerdings kehrt momentan wenigstens etwas Ruhe ein: Der Konzern hat aufgegeben, bei überzeugten Braunkohlegegnern zu klingeln, weil die bekanntermaßen ihre Türe gar nicht erst öffnen.

Wie ist das Klimacamp bei Erkelenz thematisch aufgestellt?

Wir werden die Vernetzung von lokalen und globalen Energiekämpfen diskutieren; also nicht nur über Generationengerechtigkeit reden, sondern auch über die Betroffenen im globalen Süden und die Frage: Wie können regionale Gruppen mit Akteuren dort zusammenwirken?

Wie reagieren die Verantwortlichen der NRW-Landesregierung, einer CDU/FDP-Koalition unter Ministerpräsident Armin Laschet, auf den wachsenden Widerstand?

Die Landesregierung duckt sich weg und will als Ansprechpartner nicht zur Verfügung stehen. Nach dem Motto »Wir können nichts machen« redet sich Laschet heraus. Noch im Herbst letzten Jahres war er in meinem Heimatdorf Kuckum und versprach, sich zu kümmern. Wir wollen den Druck auf die Landes- wie die Bundesregierung erhöhen. Es kann nicht sein, dass sich die Verantwortlichen einen schlanken Fuß machen.

David Dresen ist Anwohner im vom Abriss bedrohten Ort Kuckum im Rheinland und organisiert in der Initiative »Alle Dörfer bleiben«

klimacamp-im-rheinland.de

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