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Das letzte Aufbäumen

Von Gabriele Damtew
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Vor leeren Sitzschalen im Jahn-Sportpark: Joakim Nilsson aus Bielefeld (Mitte) hebt ab

Dunkle Kumuluswolken schattieren bei schwülwarmen Temperaturen den Radweg Richtung Prenzlauer Berg. Mein Ziel: der Jahn-Sportpark, erste Hauptrunde im DFB-Pokal, Viktoria Berlin gegen Arminia Bielefeld. Zwei Siegesgottheiten als Namenspatroninnen, die eine römisch, die andere auf den historischen Cherusker zurückgehend, der die Römer das Fürchten lehrte. Im Fußballjargon: klein gegen groß, Viert- gegen Zweitligist. Weitere Wege als meinen haben die Gäste aus dem schönen Ostwestfalen, aber auch die Gastgeber, die gemäß DFB-Regularien ihr beschauliches Lichterfelde im Süden der Stadt für die größere und gesicherte »Arena« im Osten verlassen müssen. Immerhin werden dem Vorverkauf zufolge um die 2.000 Bielefelder erwartet, die auch die Attraktivität eines Berlin-Wochenendes angelockt haben könnte. Oder sie wollten zumindest einmal den Pokalsong anstimmen: »Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!«

Die Flaschensammler um das Stadion herum haben ihr Tagwerk erledigt (Flaschen sind ja im Stadion verboten) und werden in die von Touristen belebten Straßen weiterziehen müssen. Ich reihe mich in den spärlichen Besucherstrom in Richtung Haupttribüne ein. Die ist fast voll, was man vom Rest des Stadions nicht behaupten kann. Aufrufe einiger Berliner Honoratioren, das Stadion doch bitte vollzukriegen, haben nicht viel gefruchtet. Berlin ist polyzentrisch organisiert, und so steht es eben auch mit der Liebe zum Fußballverein. Als vor fünf Jahren an gleicher Stelle Viktorias Gegner Eintracht Frankfurt hieß, war natürlich mehr los.

Aber ein Teil des Bielefelder Anhangs in der Südkurve, vermutlich Ultras, lässt sich nicht lumpen. Ab Anpfiff wird gesungen, getrommelt, geklatscht und choreografiert. Die Berliner, für ihre Schnauze bekannt, sind dagegen recht vorortzahm. Kein Wunder, Bielefeld beherrscht das Geschehen auf dem Rasen. Nach einer Viertelstunde steht es 0:1 durch einen Kopfball von Andreas Voglsammer nach Ecke durch Jonathan Clauss. Viktoria gibt nicht auf, zweimal muss Arminia-Keeper Stefan Ortega sich ernsthaft ins Zeug legen. Aber wirkliche Gefahr geht von den Hauptstädtern nicht aus.

In der zweiten Halbzeit wird es mir auf der Pressetribüne zu langweilig, ich positioniere mich in der Nähe der B-Jugend von Viktoria. Teenager, wie sie leiben und leben: frotzeln, Smartphones, freundschaftlicher Umgang. Nach drei Einwechslungen durch Viktoria-Trainer Benedetto Muzzicato kommt zwar Leben ins Team, aber die Chancen werden im Strafraum verstolpert oder von Arminen abgeblockt. Die Westfalen verwalten den Vorsprung eher, als was zu bieten. Könnte in die Hose gehen. Das letzte Aufbäumen der Berliner bringt Hoffnung auf Verlängerung. Vor mir stimmbrüchige Verzweiflungsschreie ob der Chancenverwertung. »Selbstvertrauen ungenügend«, so das Urteil eines Nachwuchsspielers. Dann Schluss. Sieger der Herzen: der sangesfreudige Arminia-Anhang.

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