Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 13.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Von Baggern und Rotkehlchen

Dillinger lässt grüßen

Die Grazie des Grubengrabens
Von Jürgen Roth
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Nur baggern will es natürlich nicht: Das Rotkehlchen

Weil die Menschheit wenig oder zuviel mit sich anzufangen weiß, kursieren seit langem Theorien darüber, dass die Wahrnehmung der äußeren Welt grundsätzlich oder notwendigerweise einer Täuschung unterliege, Lug oder dunkler Selbstbetrug sei, erkennbar sei die materielle Wirklichkeit nicht, mutmaßlich gebe es sie auch gar nicht. Kant könnte man, cum grano salis, nennen, Schopenhauer sowieso (ihn allerdings unter Berücksichtigung des merkwürdigen Widerspruchs zu seiner Philosophie des Mitleids).

Lenin hat mit diesem Unsinn aufgeräumt, nach ihm noch einmal Adorno. Dessenungeachtet rennen unvermindert Kohorten von Konstruktivsten herum, die behaupten, das Physische sei nichts anderes als der Ausfluss des Geistes, der Sprache, Ein-Bildung, Hinein-Bildung in etwas, das nicht existiere. Heilige akademische Dummdreistigkeit, die in Lohn und Brot setzt.

Nebenan betreibt man seit Wochen eine unendlich sinnlose Baustelle, die stark an Gerhard Polts Jahrhundertsketch »Warten auf Dillinger« denken lässt, in dem am Rande einer Landstraße ein enorm nichtiges Loch gegraben und gegebenenfalls von Habib wieder zügig zugeschaufelt wird, weil der unersetzliche Dillinger offenbar nicht kommen mag, da er anscheinend lieber beim Obermayer ein paar Halbe zwickt.

»Ääährüüüüürääääh«, so röhrt es den lieben langen, von Gott geschenkten Tag zu uns herüber. Der Baggerfahrer fährt den Schaufelarm aus, versenkt die Schaufel im Boden, die Schaufel greift ins Erdreich, der Schaufelarm schwenkt nach oben, dreht sich zur Seite und legt seine Fracht ab, mit der er zwei Stunden später die Grube wieder verfüllt.

Manchmal fahren diese Bagger ein paar Meter, werden gewendet und in eine neue Position gebracht, um ein weiteres bedeutungsvolles Loch auszuheben, und bei diesem sehr zu begrüßenden Vorgang quietschen die Ketten der Bagger in einem Hochfrequenzbereich.

Neulich hielten wir das Quietschen des uns ans Herz gewachsenen Baggers in der Nachbarschaft einige Augenblicke lang für eine Strophe des Gesangs eines Rotkehlchens. Sie kennen den Gesang des Rotkehlchens? Die scharf konturierte, metallische und zugleich perlende, spottende und zugleich gequetschte, schlagende und zugleich schnatternde Tonfolge?

Hatte uns unser Kopf betrogen? Nein. Kleist schreibt: »Wir sehen, dass in dem Maße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt. (…) So findet sich (…), wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins oder ein unendliches Bewusstsein hat, das heißt in dem Gliedermann oder in dem Gott.«

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