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Aus: Ausgabe vom 13.08.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Finanzmärkte

Hedgefonds am Hals

Spekulation mit Leerverkäufen gegen Deutsche Bank und Thyssen-Krupp
Von Steffen Stierle
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Die Stahlschmiede von Thyssen-Krupp in Duisburg (17.7.2018)

An den Finanzmärkten wird verstärkt auf einen weiteren Verfall der Aktienkurse von Thyssen-Krupp und der Deutschen Bank gewettet. Wie das Handelsblatt am Montag berichtete, haben die Leerverkaufsquoten am gesamten Aktienkapital zuletzt deutlich zugenommen. Insbesondere US-amerikanische und französische Hedgefonds setzen auf einen weiteren Abschwung der angeschlagenen Konzerne.

Das Stahlunternehmen und das Geldhaus haben einiges gemeinsam: Beide gehören mit einer Marktkapitalisierung von 6,6 beziehungsweise 13,6 Milliarden Euro zu den kleineren im Deutschen Aktienindex gelisteten Konzernen. Beide stecken in der Krise und stehen vor großen Umbrüchen. Thyssen-Krupp hat vergangene Woche angekündigt, mehrere Sparten auf den Prüfstand zu stellen und 6.000 Arbeitsplätze zu streichen. Die Deutsche Bank hat bereits mit einer radikalen Schrumpfkur begonnen. 18.000 Stellen sollen insgesamt wegfallen, im Juli wurde für das zweite Quartal ein Verlust von 3,15 Milliarden Euro vermeldet. Beide Unternehmen sehen sich mit stark schwankenden und in der Tendenz fallenden Aktienkursen konfrontiert. Viele Finanzberater warnen ihre Kunden laut einer Handelsblatt-Untersuchung vor dem Kauf dieser Papiere.

Die Zeichen stehen damit auf weiteren Wertverlust – womit sich an den Finanzmärkten durch den Einsatz von Leerverkäufen gleichermaßen Renditen erzielen lassen. Zwar wurden sogenannte ungedeckte Leerverkäufe in der EU 2012 unter dem Eindruck der großen Finanzkrise 2007/08 verboten. Grundsätzlich ist das Geschäftsmodell aber weiter zulässig. Der Spekulant muss die Papiere nur für die Laufzeit der Wette leihen, was gegen eine entsprechende Gebühr machbar ist. Das geborgte Papier verkauft er dann weiter und hofft auf einen sinkenden Kurs. Später kauft er es entsprechend günstiger zurück und reicht es an den Verleiher weiter.

Gerade in Krisenzeiten sind Leerverkäufe ein beliebtes Geschäft für Hedgefonds. Die exportabhängige deutsche Wirtschaft steht angesichts unstabiler Weltmärkte, Handelskrieg und Brexit an der Schwelle zur Rezession. Bei Thyssen-Krupp und der Deutschen Bank ist die Krise bereits in vollem Gange. Die Leerverkaufsquote des schrumpfenden Stahlriesen liegt mit 6,8 Prozent auf einem außerordentlich hohen Niveau. Bei der Deutschen Bank sind es knapp vier Prozent mit stark steigender Tendenz. Zuletzt haben laut Angaben des Bundesanzeigers vor allem die US-Fonds Blackrock und AQR Capital sowie deren französischer Konkurrent Capital Fund Management ihre Wetten auf einen weiteren Aktienverfall bei Thyssen-Krupp und der Deutschen Bank ausgeweitet.

Diese Entwicklung zeigt nicht nur an, dass die betroffenen Konzerne in ernsthaften Schwierigkeiten stecken, vielmehr können die Hedgefonds mit ihren Wetten selbst dazu beitragen, diese Schwierigkeiten zu vergrößern – und so wiederum ihre Gewinne aus dem Geschäft mit den Leerverkäufen vergrößern.

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